Der Antikriegstag am 1. September ist in diesem Jahr mehr als ein symbolischer Kalendertag. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat den Aktionstag gegen Krieg, Gewalt und Faschismus ins Leben gerufen, um an den deutschen Überfall auf Polen 1939 und den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu erinnern. Der DGB ruft Friedensbewegte auf die Straße und warnt davor, dass Aufrüstung allein keinen Frieden sichere. Diplomatie und gesellschaftlicher Zusammenhalt dürften nicht unter die Räder geraten.
Doch der Konsens darüber, was diese Worte in der Praxis bedeuten, ist kleiner geworden. Die Welt wird nicht nur gewalttätiger, Aggressoren zeigen auch Geschick darin, ihre Absichten zu verschleiern. Das Osloer Friedensforschungsinstitut Prio zählte für das Jahr 2024 insgesamt 61 staatliche bewaffnete Konflikte in 36 Ländern – die höchste Zahl seit mehr als sieben Jahrzehnten. Eine aktuelle Übersicht des Forschungsprojekts Uppsala Conflict Data Program nennt für das laufende Jahr 2026 nun 56 aktive bewaffnete Konflikte weltweit und zehn große Kriege mit erheblichen Opfer- und Flüchtlingszahlen. Die Liste reicht von der Ukraine bis in den Sudan, von Gaza bis in den Kongo, vom Iran bis nach Myanmar.
Hinter jeder Chiffre stehen Tote, Verwundete, Verschleppte, Vertriebene oder Vergewaltigte, die Namen, Schicksale und Familien haben. Die Ursachen für Kriege sind vielfältig: zerfallende Staaten, ethnische Konflikte, religiöser Fanatismus, Ungleichheit, Armut, Kampf um Rohstoffe und Wasser, die Folgen der Klimakrise und Machtgier. In jüngster Zeit kommt ein beunruhigender Faktor hinzu, der eigentlich seit 80 Jahren in der Mottenkiste der Geschichte verstauben sollte: die Erosion der internationalen Ordnung. Die Regeln, auf die man sich nach 1945 mühsam verständigt hatte, werden planmäßig gebrochen.
Russland hat mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine und der allnächtlichen Bombardierung von Zivilisten das Völkerrecht demonstrativ beiseitegeschoben und zeigt keinerlei Kompromissbereitschaft. Der Iran terrorisiert mit Stellvertretermilizen und Anschlägen den Nahen Osten. Auch Israel unter Netanjahu und die USA unter Trump demonstrieren, wie schnell Machtpolitik die Regeln des Rechts verschlucken kann, wenn Institutionen verfallen und Anführer sich allmächtig wähnen. Das macht die Lage so gefährlich: Kriegerische Konflikte gab es immer, aber die bewährten Mechanismen der Einhegung greifen heutzutage schlechter.
Diplomatie setzt voraus, dass alle Beteiligten wenigstens einen Rest von Rationalität teilen. Verträge setzen voraus, dass Unterschriften mehr gelten als Launen. Abschreckung setzt voraus, dass der Gegner kalkuliert. Was aber tun mit Ideologen, die das eigene Volk für Munition halten und den Feind für Ungeziefer? Sie verstehen nur die Sprache der Stärke. Als Idealist wünscht man sich eine Welt ohne Krieg. Als Realist versucht man, wenigstens die eigene Nachbarschaft, das eigene Land, den eigenen Kontinent vor Krieg zu bewahren. Pazifismus ist kein Schmuckstück für moralische Vitrinen. Er muss sich in der Wirklichkeit bewähren, und die Wirklichkeit ist gegenwärtig alles andere als sanftmütig.
Gegen Krieg zu sein, bedeutet heute nicht mehr unweigerlich, gegen Waffen und Aufrüstung zu sein. Das war in den heiteren neunziger Jahren leicht, als die Geschichte zu Ende schien und nur noch Märkte, Modems und die wohlgenährte Mittelklasse übrigblieben. Heute funktioniert diese Formel nicht mehr. Gegen Krieg zu sein, heißt heute: die Angreifer zu stoppen. Es heißt, den Imperialisten klarzumachen, dass ihre Landkarte nicht die Zukunft anderer Völker ist. Es heißt, die Ukraine nicht mit wohlfeilen Friedensparolen, sondern mit maximaler Flugabwehr zu unterstützen. Nur wenige Geschosse sind in der Lage, Putins ballistische Todesboten abzufangen. Die Ukraine sollte so viele wie möglich davon erhalten.
Neben mehr Patriot-Raketen für Kiew braucht es mehr Druck auf Moskau durch schärfere und vor allem konsequent durchgesetzte Sanktionen. Auch hier steckt der Teufel nicht im Prinzip, sondern in der Praxis: Die russische Schattenflotte umschifft Boykotte im wahrsten Sinne – und griechische Reeder helfen ihr dabei. Europas Uneinigkeit bei der Durchsetzung maritimer Sanktionen ist fatal. Wer Strafen beschließt, aber ihre Umgehung duldet, verliert seine Glaubwürdigkeit und ermuntert Aggressoren zu weiteren Attacken.
Auch bei der militärischen Abschreckung folgen auf wortreiche Schwüre zu wenig Taten. Angesichts der russischen Bedrohung müssten die Nato-Staaten schnellstens aufrüsten und sich logistisch vernetzen, damit sie Putins hybride Attacken kontern und einen möglichen Angriff auf das Bündnisgebiet sofort abwehren können. Sicherheitsexperten in Militär und Geheimdiensten äußern jedoch ernstzunehmende Zweifel, dass das beim gegenwärtigen Tempo der Aufrüstung möglich ist. Zu wenige Soldaten, zu wenige Drohnen, zu wenige stabile Brücken: Mängel herrschen überall. Deshalb braucht es den politischen Willen, die Landesverteidigung zur Priorität Nummer eins zu erheben.