Die zweite Präsidentschaft von Donald Trump führt die Vereinigten Staaten nach Ansicht von Beobachtern auf einen gefährlichen Kurs. In einer vielbeachteten Analyse wird die aktuelle Außenpolitik Washingtons mit dem Aufstieg und Fall des antiken Athens verglichen. Die Kernaussage: Amerika, das sich als Führungsmacht des Westens versteht, droht durch eine Politik der Demütigung und Erpressung gegenüber seinen Partnern genau jene globale Vormachtstellung zu verspielen, die es zu bewahren vorgibt.
Der Vergleich mit der Antike ist dabei kein Zufall. Während die USA nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bündnissystem aufbauten, das an den spartanischen Bund erinnerte, in dem Partner wirtschaftliche Autonomie und eine Stimme in der Versammlung behielten, ähnele die heutige Strategie unter dem Motto «America First» zunehmend dem Attischen Seebund. Dieser begann als Verteidigungsbündnis gegen die Perser, mutierte jedoch zu einem ausbeuterischen Imperium, das von seinen Mitgliedern finanzielle Tribute, den sogenannten Phoros, forderte. Wer nicht zahlte, wurde zum Feind erklärt.
Diese Logik sieht der Autor der Analyse auch im heutigen Umgang Washingtons mit der Nato und anderen Verbündeten. Die Drohung, den Schutz zu entziehen, wenn festgelegte Verteidigungsquoten nicht erfüllt werden, erinnere an die athenische Praxis. Besonders deutlich werde dies in der Rhetorik der Trump-Regierung in Bezug auf den Handelskonflikt mit Kanada. Finanzminister Scott Bessent höhnte kürzlich, Kanada sei wirtschaftlich dreizehnmal kleiner als die USA und besitze nur zwei U-Boote, könne also niemals einen Krieg gegen Amerika führen.
Solche Aussagen seien nicht nur diplomatische Geschmacklosigkeiten, sondern offenbarten ein Selbstverständnis, das Verbündete nicht mehr als Partner, sondern als Vasallen betrachte. Die Forderung an Kanada, so die Analyse, gehe in Wahrheit dahin, die Souveränität des Landes in zentralen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Fragen aufzugeben. Der angebotene «beste Deal der Welt» sei in Wirklichkeit ein Diktat, das an die Methoden des antiken Hegemons Athen erinnere, der mit Handelsblockaden und der Durchsetzung eigener Marktregeln gegen unliebsame Nachbarn vorging.
Die massiven Zollkriege, die Trump nicht nur gegen Kanada und Mexiko, sondern auch gegen Verbündete in Europa und Asien führe, nutzten die schiere Größe des US-Marktes auf ähnlich rücksichtslose Weise. Das westliche Bündnis wirke unter dieser Führung nicht mehr wie eine Schicksalsgemeinschaft, sondern verkomme zu einem transaktionalen Selbstbedienungsladen. Die USA seien dabei, sich in das Athen des fünften Jahrhunderts vor Christus zu verwandeln – ein Prozess, der Europa tiefe Sorgen bereiten sollte.
Die Parallelen zur Antike sind für den Autor der Analyse kein Selbstzweck. Sie dienen als Warnung: Der Peloponnesische Krieg, der aus der athenischen Hybris erwuchs, führte letztlich zum Niedergang der griechischen Demokratie. Die Frage, ob die moderne Demokratie in Amerika aus ihrer eigenen «Odyssee» zurückfindet oder an ihrer Überheblichkeit scheitert, bleibe offen. Fest stehe jedoch, dass die derzeitige Strategie Washingtons die jahrzehntelange globale Führungsrolle der USA und des gesamten Westens aktiv gefährde.