Der Sicherheitsexperte Gustav Gressel hat Deutschland aufgefordert, Russland stärker abzuschrecken. Angesichts einer Häufung russischer Operationen wie Sabotage, Spionage und Drohnenflügen über kritischer Infrastruktur warnt er davor, die Bedrohung zu unterschätzen. Im Interview mit t-online erklärte Gressel, dass viele Vorfälle schwer einzuordnen seien und genau diese Unklarheit Teil der russischen Strategie sei.
Erst am Mittwochabend wurde am Berliner Flughafen BER erneut eine Drohne gesichtet, was zu einer Unterbrechung des Flugverkehrs führte. Allein im ersten Halbjahr gab es 28 solcher Vorfälle am BER. Gressel betont, dass ein Flughafen eine Drohne nicht ignorieren könne, da ein Zusammenstoß mit einem Triebwerk zu einem schweren Unfall führen könne. Deutschland verfüge zwar über Systeme zur elektronischen Kampfführung, eigene Abwehrdrohnen oder die Möglichkeit, Drohnenpiloten zu orten, setze diese aber nur unzureichend ein. «Ich verstehe nicht, warum», sagte Gressel. Die Drohnengefahr sei schließlich nicht neu.
Ein Muster hinter den Vorfällen sei schwer zu erkennen, da es sich oft um sehr unterschiedliche Fälle handele. Ein gewisser Prozentsatz entfalle auf Nachahmungstäter, also «Idioten, denen das Spaß macht». Der Rest sei entweder Störung oder Spionage, vor allem aus Russland. Die Russen setzten in der Ukraine zunehmend Drohnen und kleine Marschflugkörper ein, die mit Kamera und Künstlicher Intelligenz ins Ziel gelenkt würden. Ähnliches planten sie offenbar auch für Deutschland.
Gressel zufolge dienen Drohnen über deutscher Infrastruktur der Kriegsvorbereitung. Die KI werde an Geländemodellen trainiert, die mit Bildern gefüttert werden müssten. Um einen bestimmten Teil eines Gebäudes zu treffen, brauche man Bilder von vor Ort, da eine Drohne verschiedene Winkel und Perspektiven erfassen könne. Das 3D-Modell des Objekts werde so viel detailgenauer. «Russland schickt die Aufklärungsdrohnen zur Kriegsvorbereitung», so Gressel. Es gebe Ziellisten mit Firmen, Entscheidungsträgern, kritischer Infrastruktur oder Stromnetzen. Zu den einzelnen Zielobjekten würden erweiterte Zieldaten für die Steuerung der späteren Angriffsdrohnen erstellt. Das sei «normale Kriegsplanung». Es gehe um Überflüge von Rheinmetall oder in der Nähe von Bundestag und Kanzleramt. «Da will jemand im Kriegsfall wissen, wo Rheinmetall-Chef Armin Papperger sitzt, und wie man sein Büro anvisieren kann.»
Neben Aufklärungsdrohnen gebe es auch solche, die schon jetzt Schaden anrichten sollen, wie in Leipzig. «Das war ein geplanter Anschlag», sagte Gressel. Es gehe um Sabotage, die Leute verunsichern und einschüchtern solle. «Das ist wie ein Terroranschlag, nur mit einer Drohne statt eines Attentäters.» Im niedersächsischen Wunstorf wurden nahe einem Bundeswehrfliegerhorst Drohnenteile und wohl auch Sprengstoff gefunden. Gressel hält eine russische Beteiligung für sehr wahrscheinlich, endgültige Klarheit werde aber erst die Analyse des Sprengstoffs bringen.
In Wunstorf und Leipzig seien keine frei verfügbaren Drohnen genutzt worden, sondern spezielle Modelle, deren Teile per 3D-Druck hergestellt wurden. Kommerzielle Drohnen seien leicht zu stören und benötigten oft eine SIM-Karte, über die der Standort des Starters nachvollziehbar sei. Eine 3D-Druckdrohne könne dagegen mit einem störsichereren Funksender ausgestattet und in Form, Größe und Armlänge an den Zweck angepasst werden. Zudem habe eine kommerzielle Drohne keine Vorrichtung für einen Sprengsatz. Für kurze Flüge möge eine kommerzielle Drohne ausreichen, für längere Operationen sei die eigene Konstruktion überlegen.
Deutschland hat bislang nur wirtschaftlich und diplomatisch auf russische Operationen reagiert, zuletzt mit der Schließung des Russischen Hauses und des Generalkonsulats in Bonn. Gressel bezweifelt, dass dies Moskau ausreichend abschreckt. Die zunehmenden Vorfälle und die mangelhafte Abwehrbereitschaft legen nahe, dass Deutschland seine Strategie überdenken muss, wenn es die Bedrohung durch russische Operationen wirksam eindämmen will.