Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will einen von der Nato unabhängigen Alarmmechanismus für Sicherheitskrisen schaffen, die unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs liegen. In ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union vor dem Europäischen Parlament in Straßburg sagte sie: «Wir brauchen einen Mechanismus analog zum Artikel 4 des Nato-Vertrags.» Der Vorstoß zielt darauf ab, dass alle Mitgliedstaaten zusammenkommen, wenn ein Mitgliedstaat den Mechanismus auslöst, um gemeinsam eine europäische Antwort zu koordinieren, weitere Eskalation abzuschrecken und die Auswirkungen von Zwischenfällen abzumildern.
Von der Leyen begründete den Vorschlag mit der veränderten Sicherheitslage in Europa. Die EU verfüge bereits über viele Instrumente und verstärke die Zusammenarbeit mit der Nato, doch die Doktrin, die Institutionen und die Entscheidungsfindung der EU hätten mit der neuen Realität nicht Schritt gehalten. «Unsere Systeme waren für eine andere Welt gemacht. Sie wurden von gut gemeinten Konsens- und Kompromissversuchen geprägt», sagte sie. Es brauche dringend einen Konsens darüber, wie auf bestimmte Vorfälle zu reagieren sei – Vorfälle unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs, die aber dennoch eindeutig die nationale Sicherheit bedrohten.
Als mahnendes Beispiel nannte von der Leyen den Fall einer am Flughafen Leipzig/Halle entdeckten Sprengstoffdrohne. «Wir müssen uns darüber im Klaren sein, was da geschehen ist. Ein Angriff mit militärischem Material, durchgeführt von russischen Agenten auf europäischem Boden», sagte sie. Solche Attacken könne man nicht zulassen. «Cyberangriffe, Sabotage, Brandstiftung, Drohnenangriffe: inzwischen gibt es sie jeden Tag. Wenn also die Bedrohungslage ernster wird, muss auch die Abwehrbereitschaft Europas größer werden», so die Kommissionspräsidentin.
Neben dem Artikel-4-Mechanismus kündigte von der Leyen ein Konzept für einen Europäischen Sicherheitsrat an. Man habe mit Partnern wie Kanada, Norwegen, der Ukraine und Großbritannien lange über ein Format der Staats- und Regierungschefs diskutiert, das sich mit der Sicherheit des Kontinents befasse. Angesichts der Art und des Ausmaßes der aktuellen Bedrohungen sei dies nun noch dringlicher. Deshalb werde man demnächst konkret darlegen, wie ein Europäischer Sicherheitsrat Wirklichkeit werden könne.
Die Idee eines Europäischen Sicherheitsrats ist nicht neu. Bereits 2018 hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür geworben. Damals war angedacht, dass ein kleineres, teilweise rotierend besetztes Gremium außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen der EU schneller vorbereiten sollte. Das Vorhaben wurde jedoch nie umgesetzt – unter anderem wegen ungeklärter Kompetenzen und der Sorge kleinerer EU-Staaten vor einem Direktorium der großen Länder. Angesichts des Ukraine-Kriegs, der wachsenden Unsicherheit über die Rolle der USA und der zunehmenden Bedeutung informeller Staatengruppen gewann die Idee zuletzt wieder an Dynamik. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius schlug Anfang 2026 einen Rat von etwa zehn bis zwölf Mitgliedern vor. Anders als in früheren Modellen sollen inzwischen auch wichtige Nicht-EU-Partner wie Großbritannien, Norwegen und die Ukraine eingebunden werden.
Der von der Leyen als Vorbild erwähnte Artikel 4 des Nato-Vertrags sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefährdet sieht. Konkret heißt es darin: «Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist.» Seit Gründung des Bündnisses 1949 wurde Artikel 4 neun Mal in Anspruch genommen – zuletzt am 23. September 2025 auf Antrag Estlands, nachdem drei russische Kampfjets dessen Luftraum verletzt hatten. Die Konsultationen sind ein politisches Signal der Bündnissolidarität, können aber auch zu konkreten gemeinsamen Maßnahmen führen, etwa zusätzlicher Unterstützung bei Abschreckung und Verteidigung.
Darüber hinaus kündigte von der Leyen ein neues europäisches Instrument für bestimmte militärische Schlüsselfähigkeiten an, die künftig stärker gemeinsam beschafft und aufgebaut werden sollen. Dabei geht es um sogenannte strategische Enabler – Fähigkeiten, ohne die moderne Streitkräfte kaum wirksam eingesetzt werden können, etwa Flugabwehr, strategischer Lufttransport, Luftbetankung sowie Fähigkeiten im Weltraum und im Cyberbereich. Das neue europäische Instrument solle vollständig auf die Nato abgestimmt sein, betonte von der Leyen.