Der Welthandel ist vielschichtiger, als die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher ahnen. Der britische Wirtschaftsjournalist Ed Conway beschreibt in seinem Buch »Trade World« die verborgenen Versorgungsnetze, die Waren über Kontinente hinweg verbinden, und benennt zugleich die Schwachstellen, die dieses System anfällig machen. Trotz der aktuellen Krisen sieht er Grund zur Hoffnung.
Als anschauliches Beispiel nennt Conway Fischstäbchen. Der Fisch wird vor der schottischen Küste gefangen, tiefgekühlt und nach China verschifft, wo er verarbeitet wird, bevor er zurück nach Europa gelangt. Insgesamt legt das Produkt rund 16.000 Kilometer zurück. Auf der Verpackung taucht diese Route nicht auf. Die EU-Kennzeichnungsregeln verlangen lediglich Angaben zum Fangort und zum Ort der letzten Verarbeitung. Der Weg dazwischen bleibt für Käufer unsichtbar.
Die Verlagerung der Produktion nach China hat laut Conway handfeste wirtschaftliche Gründe: niedrige Transport- und Arbeitskosten. Gleichzeitig zeigt er, dass der Transport selbst effizienter geworden ist. Containerschiffe stoßen heute pro Container weniger Emissionen aus, als es eine Fahrt eines Fischereibootes tut. Die Grundlage des Welthandels beruht dabei auf der Annahme, dass Waren frei fließen können. Genau diese Annahme gerät derzeit unter Druck.
Als aktuelle Störfaktoren nennt Conway Kriege in Europa und im Nahen Osten sowie die Engpässe in der Schifffahrt. Namentlich erwähnt er die Straße von Hormus und die Meerenge Bab al-Mandab. Solche Passagen sind für die globale Logistik zentral; geraten sie ins Stocken, wirkt sich das auf zahlreiche Lieferketten gleichzeitig aus.
Conway verknüpft die Entwicklung des Welthandels zudem mit der Deindustrialisierung Europas. Diese schreite voran, unter anderem bedingt durch hohe Energiekosten. Aus seiner Sicht hängt auch die wirtschaftliche Frustration vieler Menschen mit diesem Wandel zusammen. Er bringt sie in Verbindung mit dem Brexit, mit Donald Trump und mit anti-establishment-Strömungen in der Politik.
Auch in der Industrie zeichnen sich Verschiebungen ab. Einige Branchen wenden sich verstärkt der Rüstungsproduktion zu. Volkswagen veräußert das Werk in Osnabrück. Ein weiteres Beispiel nennt Conway mit der Mercedes G-Klasse, die nicht bei Mercedes selbst, sondern im österreichischen Graz vom Auftragsfertiger Magna Steyr gebaut wird. Marken könnten künftig vermehrt Produktion auslagern und dennoch ihr Logo behalten, so seine Einschätzung.
Dass er dennoch von »Grund zur Hoffnung« spricht, begründet Conway mit der Widerstandskraft des globalen Systems, dessen Verflechtungen sich immer wieder neu ordnen. Wie sich die Lage entwickelt, ist allerdings offen. Ob die Hoffnung berechtigt ist, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.