Der parteilose Landrat von Vorpommern-Rügen, Stefan Kerth, hat sich dafür ausgesprochen, die AfD nicht länger grundsätzlich von Regierungskoalitionen auszuschließen. Der ehemalige Sozialdemokrat bricht damit mit der sogenannten Brandmauer, der Abgrenzung etablierter Parteien zur AfD. In einem Interview erklärte Kerth, die Wähler sollten sehen können, was passiert, wenn die AfD regiert. Er ist überzeugt, dass sich die Partei dadurch «entzaubern» und ihren «Märtyrerstatus» verlieren könnte.
Kerth betont, dass es ihm nicht darum gehe, ob er die Partei möge. Solange die AfD nicht für verfassungswidrig erklärt werde, müsse man im demokratischen Prozess mit ihr umgehen. Die Debatte über die Brandmauer verschleiere die eigentliche realpolitische Frage, ob die AfD an einer Regierung beteiligt werden sollte. Wenn sie die nötigen Stimmen bei einer Wahl bekomme, dann ja, so Kerth.
Der Landrat sieht in der Migrationspolitik den zentralen Grund für die Wahlerfolge der AfD. Er verweist auf einen Fall in Köln, wo das Ausländeramt 2024 eine Liste mit 471 ausreisepflichtigen Personen erhalten und darauf offenbar nicht reagiert habe. Das sei erst in diesem Sommer öffentlich geworden. Für Kerth ist das ein Beispiel dafür, dass es kaum einen Monat ohne neue «Verrücktheiten» in der Politik gebe, besonders im Bereich Migration. Eine kritische Diskussion darüber führe man in Deutschland längst nicht, anders als etwa in Dänemark, wo sogar eine sozialdemokratisch geführte Regierung ihre Migrationspolitik deutlich verschärft habe.
Die Wähler der AfD, so Kerth, träfen ihre Entscheidung nicht aus Unüberlegtheit. Sie beobachteten, dass das Land mit den bestehenden Mehrheiten in eine falsche Richtung laufe. Manche Medien und Politiker stellten die AfD-Wähler als unmündig dar, doch die Wähler seien «tausendmal gewarnt» worden. Nach allem, was er in Mecklenburg-Vorpommern wahrnehme, wögen die Menschen sorgfältig ab und träfen dann ihre Wahl. Indem man eine Partei faktisch ausschließe, betreibe man «Demokratie-Folklore».
Auf die Frage, ob die AfD in Mecklenburg-Vorpommern angesichts fragwürdiger Politiker regierungsfähig sei, räumt Kerth ein, dass manche Mitglieder vermutlich ins Rechtsextreme gingen. Ein Kandidat aus Rostock sei einst wegen eines Banküberfalls verurteilt worden. Solche Fälle seien «unterirdisch». Eine so sehr geächtete Partei ziehe eine fragwürdige Klientel an, während gemäßigte Leute abgeschreckt würden. Dennoch bleibt er bei seiner Grundaussage: Man solle auch für Koalitionen mit der AfD offen sein. Die Menschen sollten zumindest sehen können, was passiert, wenn die AfD regiert. Er sei überzeugt, dass sie sich dann entzaubere und sehr schnell den Märtyrerstatus verliere. Auch das bemerkten die Wähler.
Bemerkenswert ist Kerths Forderung auch deshalb, weil er selbst 2025 von der Abgrenzung zur AfD profitiert hat. Bei seiner Wiederwahl zum Landrat erhielt er breite Unterstützung demokratischer Parteien gegen einen AfD-Kandidaten. Kerth erklärt diesen Widerspruch damit, dass er schon früher öffentlich kritisiert habe, dass vor manchen Themen – so der abgebrochene Satz im Interview – offenbar zu wenig diskutiert werde. Er versteht sich trotz aller Kritik an etablierten Parteien als Brückenbauer zwischen den politischen Lagern.
Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern findet 2026 statt. Kerths Vorstoß fällt in eine Phase, in der die CDU auf Bundesebene eine Koalition mit der AfD weiterhin ausschließt. Ob seine Position innerhalb der Union oder bei anderen demokratischen Parteien auf Zustimmung stößt, ist offen. Der Landrat von Vorpommern-Rügen gehört keiner Partei an, seine Äußerungen haben daher vor allem signalhafte Wirkung für die Debatte über den Umgang mit der AfD.