Der chinesische Regisseur Gu You widmet sich in seinem neuen Film «The First Taste of Loneliness» einer Familie, die den Tod eines geliebten Menschen verarbeiten muss. Im Zentrum stehen drei Frauen — eine Mutter, ihre Tochter und ihre Enkelin —, die am Sterbebett von Ehemann, Vater und Großvater wachen. Der Film feiert seine Premiere auf einem internationalen Festival und gilt als einer der bewegendsten Beiträge des Jahrgangs.
Die ergreifendste Szene des Films ist dabei nicht die tränenreichste. Gu You eröffnet sein Familienporträt mit einer ausgedehnten, qualvollen Sequenz, in der die drei Frauen den langen Abschied von ihrem Angehörigen begleiten. Diese Eröffnung setzt den Ton für ein Werk, das den Schmerz nicht spektakulär inszeniert, sondern in seiner stillen Alltäglichkeit ernst nimmt. Der Regisseur verzichtet auf große Gesten und konzentriert sich stattdessen auf die kleinen Momente, in denen sich Verlust und Zusammenhalt zeigen.
«The First Taste of Loneliness» ist damit ein Film über das, was nach dem Tod bleibt: die Lücke, die ein Mensch hinterlässt, und die Art und Weise, wie Familien versuchen, sie zu füllen. Gu You erzählt von drei Generationen von Frauen, die jeweils unterschiedlich trauern und doch aufeinander angewiesen sind. Die Großmutter, die ihren Mann verliert, die Mutter, die ihren Vater betrauert, und die Enkelin, die zum ersten Mal begreift, was Endlichkeit bedeutet — ihre Perspektiven verschränken sich zu einem vielschichtigen Bild familiären Lebens.
Der Film wird als sentimental, aber zugleich als bewegend beschrieben. Diese Mischung ist keine Schwäche, sondern Teil seines Konzepts: Gu You scheut Emotionen nicht, verliert sich aber nicht in ihnen. Stattdessen gelingt es ihm, das Sentimentale mit einer genauen Beobachtung des Alltags zu verbinden. Die Trauer der Figuren äußert sich nicht nur in Tränen, sondern auch in Routinen, in Blicken, in dem, was nicht gesagt wird.
Damit reiht sich «The First Taste of Loneliness» in eine Tradition des zeitgenössischen Kinos ein, das Familienstrukturen und Generationenkonflikte in den Mittelpunkt stellt. Filme über Trauer und Abschied haben in den vergangenen Jahren international an Aufmerksamkeit gewonnen, weil sie existenzielle Fragen verhandeln, die viele Menschen betreffen. Gu Yous Werk setzt dabei einen eigenen Akzent: Es fragt nicht nur, wie Menschen sterben, sondern wie die Zurückgebliebenen weiterleben.
Die drei Frauen im Zentrum des Films stehen für unterschiedliche Phasen des Lebens und des Loslassens. Die Großmutter verkörpert die lange gemeinsame Geschichte, die mit dem Tod des Partners endet. Die Mutter steht zwischen den Generationen und muss sowohl ihre eigene Trauer als auch die ihrer Tochter auffangen. Die Enkelin wiederum macht die Erfahrung von Verlust zum ersten Mal bewusst. Aus diesen drei Perspektiven entsteht ein Porträt, das zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf denselben Schmerz reagieren.
Gu You interessiert sich dabei weniger für dramatische Wendungen als für die Dauer und Wiederholung von Trauer. Der Film nimmt sich Zeit, lässt Szenen atmen und vertraut darauf, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die emotionalen Zwischentöne selbst wahrnehmen. Diese Zurückhaltung macht «The First Taste of Loneliness» zu einem Werk, das nachhallt, gerade weil es nicht laut ist.
Mit seinem Fokus auf weibliche Perspektiven und familiäre Bindungen dürfte der Film vor allem ein Publikum ansprechen, das sich für einfühlsame, charaktergetriebene Erzählungen interessiert. Gu You zeigt, dass Kino über Verlust nicht zynisch oder kalt sein muss, sondern Wärme und Anteilnahme zulassen darf. «The First Taste of Loneliness» ist damit ein Beispiel für ein Kino, das Gefühle ernst nimmt und ihnen Raum gibt.