Kaum waren die US-Unterhändler aus Kiew abgereist, heulten in der ukrainischen Hauptstadt wieder die Sirenen. Russische Drohnen und Raketen trafen Wohngebiete, mindestens zwei Menschen wurden getötet, sieben weitere verletzt. Drei Tage lang hatte der Kreml die Angriffe auf Kiew ausgesetzt, während Steve Witkoff und Jared Kushner in Moskau und Kiew um eine diplomatische Lösung bemüht waren. Nun zeigt sich, was Beobachter als das zentrale Problem der neuen US-Friedensbemühungen beschreiben: Kremlchef Wladimir Putin signalisiert Gesprächsbereitschaft, ohne seine Kriegsziele sichtbar zu verändern.
Putin will US-Präsident Donald Trump nicht gegen sich aufbringen, doch solange der Kreml darauf hoffen kann, die Ukraine im Winter weiter zu schwächen, gibt es für Moskau wenig Grund, jetzt entscheidend nachzugeben. Die Diplomatie gewinnt zwar an Tempo, ob Putin russische Gesprächszusagen jedoch ernst nimmt, gilt als fraglich. Vergangene Woche sprach der russische Präsident auf einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok von einer Chance auf ein Ende des Krieges. Auch aus Washington kommen vorsichtig optimistische Signale, und der Kreml hält eine Wiederaufnahme trilateraler Gespräche mit der Ukraine und den USA ausdrücklich für möglich. Über Ort und Zeitpunkt sei es allerdings noch zu früh zu sprechen, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Doch Trump und Putin verbinden mit diesen Gesprächen unterschiedliche Interessen. Der US-Präsident steht vor den Zwischenwahlen Anfang November unter Druck, sein Iran-Krieg ist festgefahren, und auch in der Ukraine kam er bislang nicht weiter. Er braucht politische Erfolge und investiert entsprechend Kapital in seine Vermittlungsversuche. Putin wiederum hat wenig Interesse daran, Trump öffentlich vorzuführen, denn Washington kann den diplomatischen Prozess maßgeblich beeinflussen und bleibt zugleich für die militärische Unterstützung der Ukraine entscheidend. Gerade bei der Luftverteidigung ist Kiew weiterhin auf amerikanische Patriot-Raketen angewiesen. Bei den Gesprächen zwischen Putins Umfeld und den US-Unterhändlern ging es nach Informationen aus dem Umfeld auch um mögliche Wirtschaftsprojekte zwischen Russland und den Vereinigten Staaten.
Die Zeit arbeitet jedoch nicht für beide Seiten gleich. Trump möchte Bewegung vor dem Winter, Putin könnte genau diesen Winter abwarten. Solange der Kreml glaubt, die Ukraine militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich weiter schwächen zu können, hat er wenig Anlass für echte Zugeständnisse. Bisher gibt es kaum Hinweise darauf, dass Russland seine Position grundlegend verändert hat. Nach dem jüngsten Treffen mit Witkoff und Kushner erklärte Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow erneut, Russland sei überzeugt, die Ziele der sogenannten militärischen Spezialoperation erreichen zu können. Der Kreml hält zudem an seiner Forderung fest, die von ihm bezeichneten Grundursachen des Konflikts zu beseitigen.
Das bedeutet: Moskau verlangt weiterhin den Rückzug der ukrainischen Armee aus den gesamten Regionen Donezk und Luhansk. Auch in Teilen der Oblast Saporischschja soll sich die Ukraine zurückziehen, wobei der Kreml sich nach Angaben kremlnaher Militärblogger bereit erklärt haben soll, dass diese Region durch UN-Truppen besetzt werden könne. Die ukrainische Armee soll auf eine bestimmte Zahl von Soldaten begrenzt werden, die Rede war von 80.000. Kiew müsste sich für neutral erklären und auf einen Nato-Beitritt verzichten, und der Westen dürfte die Ukraine nicht mehr bewaffnen. Damit fordert Russland politisch weiterhin mehr, als seine Armee militärisch erreicht hat. Putin möchte Gebiete kontrollieren, die russische Truppen nie erobert haben.
Die Lage an der Front ist für mögliche Verhandlungen deshalb so wichtig. Der Kreml will den Eindruck erzeugen, Russland befinde sich auf dem Weg zum Sieg. Je glaubwürdiger dieses Bild wirkt, desto größer erscheint der Druck auf Kiew, russische Bedingungen zu akzeptieren. Doch die vergangenen Monate passen nur bedingt zu dieser Erzählung. Die russische Armee übt weiterhin großen Druck auf die ukrainische Front aus und versucht in mehreren Regionen, Gelände zu gewinnen. Einen strategischen Durchbruch hat Moskau bislang aber nicht erzielt. Stattdessen gelangen der Ukraine zuletzt an mehreren Frontabschnitten Gegenangriffe, etwa im Raum Slowjansk und südlich von Druschkiwka. Rund um Lyman berichten inzwischen auch russische Quellen von ukrainischem Druck, und bei Kupjansk waren die Gegenangriffe so erfolgreich, dass russische Kräfte ihr Ziel, die Stadt einzunehmen, nach russischen Quellen verfehlt haben.