Künstliche Intelligenz hebt die Arbeit junger Patentanwälte unmittelbar auf ein höheres Niveau, könnte ihre berufliche Entwicklung aber zugleich unauffällig bremsen. Zu diesem Schluss kommt eine dreimonatige Feldstudie mit 133 Patentanwälten, über die The Decoder berichtet. Der Befund wirft eine Frage auf, die weit über die Rechtsbranche hinausreicht: Wie lernen Menschen einen anspruchsvollen Beruf, wenn ein Werkzeug ihnen einen Teil der Denkarbeit abnimmt?
Die Untersuchung zeigt zunächst einen klaren Effekt. Während des Zeitraums von drei Monaten verbesserte sich die unmittelbare Leistung der Teilnehmer, sobald sie mit KI-Unterstützung arbeiteten. Am stärksten profitierten die Berufseinsteiger. Sie konnten in kürzerer Zeit und mit besseren Ergebnissen arbeiten, was in einer Branche, in der Präzision und Zeitdruck zusammentreffen, einen spürbaren Nutzen darstellt. Der Vorteil betraf also gerade diejenigen, die im Beruf noch am Anfang stehen und deren Fachwissen sich erst festigen muss.
Der Gewinn erwies sich jedoch als fragil. Als die KI-Unterstützung entfiel, behielten nach den Ergebnissen der Studie nur die erfahrenen Anwälte ihre Zugewinne. Die jüngeren Kollegen fielen dagegen zurück. Daraus leitet die Untersuchung ab, dass ein Grundniveau an Expertise eine Voraussetzung dafür ist, KI-gestützte Praxis in dauerhafte Fähigkeiten zu überführen. Wer die zugrunde liegenden Fertigkeiten noch nicht verinnerlicht hat, lernt durch die Maschine möglicherweise weniger, als die bessere Arbeitsqualität vermuten lässt. Die Leistung im Moment und das tatsächlich erworbene Können fallen damit auseinander.
Für Kanzleien und Ausbildungsverantwortliche ergibt sich daraus eine unbequeme Abwägung. Die sofortige Produktivitätssteigerung ist real und messbar, während die Folgen für die fachliche Entwicklung erst über längere Zeiträume sichtbar werden. Die Studie legt nahe, dass der Einsatz von KI in der Einarbeitung begleitet werden muss, damit junge Juristen die Grundlagen ihres Fachs nicht ungewollt übergehen. Wie sich dieser Effekt über Jahre hinweg auswirkt, lässt die vorliegende Untersuchung offen. Gesichert ist bislang vor allem, dass Einarbeitung und Kompetenzaufbau in der Patentpraxis künftig anders organisiert werden müssen, wenn KI zum Alltagswerkzeug wird.