Bundeskanzler Friedrich Merz sieht den Umbau der deutschen Stahlindustrie hin zur Produktion von grünem Stahl auf einem guten Weg. Bei einem Besuch der Dillinger Hütte im Saarland sagte der CDU-Politiker, die Transformation mache «Mut für Deutschland». Wenn Deutschland Industrieland bleiben wolle, brauche es eine eigene Stahlerzeugung. Diese Grundstoffindustrien ließen sich klimafreundlich modernisieren und zugleich wettbewerbsfähig halten, betonte Merz.
Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) bezeichnete den Umbau der Saar-Stahlindustrie als «Musterbeispiel von Transformation». Das Saarland spiele dabei eine Führungsrolle. Im Mittelpunkt steht der Wechsel von Kohle zu Wasserstoff: Statt Koks und Kohle soll klimafreundlich erzeugter Wasserstoff in Direktreduktionsanlagen zum Einsatz kommen, um dem Eisenerz Sauerstoff zu entziehen. Auf diese Weise soll bei der Produktion kein klimaschädliches Kohlendioxid anfallen.
Die Transformation an der Saar kostet rund 4,6 Milliarden Euro. Bund und Land fördern das Vorhaben mit 2,6 Milliarden Euro, den Rest tragen die Unternehmen selbst. Nach Angaben der Stahl-Holding-Saar (SHS) liegt das Projekt aktuell im Zeitplan. Auf den Baufeldern in Völklingen und Dillingen seien erste Bauwerke fertiggestellt, der Hochbau habe begonnen. Die Inbetriebnahme ist für 2028/29 geplant.
Die neuen Anlagen sollen die CO2-Emissionen bis Anfang der 2030er Jahre um bis zu 55 Prozent senken, das entspricht 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr. Für 2045 wird CO2-Neutralität angestrebt. Zu Beginn wird Erdgas genutzt, später dann Wasserstoff. SHS-Vorsitzender Stefan Rauber sprach vom größten Dekarbonisierungsprojekt in Europa und erklärte, es beginne «das Zeitalter der CO2-reduzierten Stahlerzeugung».
Neben der Stahl-Holding-Saar arbeiten auch große Stahlhersteller wie Thyssenkrupp in Duisburg und die Salzgitter AG in Niedersachsen an entsprechenden Umstellungsprojekten. Die Stahlbranche zählt zu den größten CO2-Emittenten in Deutschland, ihr Umbau spielt deshalb eine wichtige Rolle für die Erreichung der Klimaziele.
Allerdings ist grüner Wasserstoff derzeit deutlich teurer als fossile Alternativen. Experten gehen davon aus, dass die Kosten zwar sinken werden, grüner Wasserstoff aber auch 2030 voraussichtlich noch mindestens doppelt so teuer sein wird wie grauer Wasserstoff aus Erdgas. Grüner Stahl ist daher deutlich teurer als konventionell hergestellter Stahl. Selbst mit staatlicher Förderung wird die Wirtschaftlichkeit einer CO2-reduzierten Stahlproduktion von Experten infrage gestellt. Zudem ist grüner Wasserstoff derzeit nicht ausreichend vorhanden.
Im Saarland hat im August der Bau einer Wasserstoffpipeline zwischen Dillingen und Leidingen an der französischen Grenze begonnen. Der Standort soll an das grenzüberschreitende Wasserstoffnetz «mosaHYc» angebunden werden. Ab 2029 wird die Dillinger Hütte dann mit jährlich 6.000 Tonnen Wasserstoff beliefert. Zudem soll Dillingen 2032/2033 an das deutsche Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden, teilt die SHS mit.
Eine weitere Hürde für die deutsche Stahlbranche sind Importe von billigem Stahl aus dem außereuropäischen Ausland, der häufig unter weniger strengen Umweltauflagen produziert wird. Zum Schutz der heimischen Stahlindustrie hat die EU-Kommission mit Wirkung vom 1. Juli eine Verordnung erlassen, um den europäischen Stahlmarkt vor Billigstahl-Importen zu schützen. Damit sollen diese Importe begrenzt und zugleich teilweise verteuert werden.
Rauber von der SHS forderte international wettbewerbsfähige Energiepreise und Arbeitskosten. Dringend benötigt werde zudem die Schaffung grüner Leitmärkte, die mit öffentlichen Aufträgen die Nachfrage nach CO2-reduziertem Stahl fördern, etwa beim Bau im Schienennetz. Der Kanzler lobte, dass sich die Stahl-Holding-Saar an dem deutschen Startup «Y-SIC» beteiligt hat. Das Unternehmen verfügt über ein patentiertes Verfahren für die Produktion von hochreinem Siliziumkarbid.