Die Europäische Union und Kanada haben eine engere Zusammenarbeit vereinbart. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte am Mittwoch vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, beide Seiten teilten «einen Ozean, dieselben Werte, dieselbe Weltsicht». Sie wolle Kanada als erstem Land ermöglichen, ein «assoziiertes» Mitglied der EU zu werden. Der kanadische Premierminister Mark Carney griff das Angebot am Donnerstag in seiner Rede vor dem Parlament auf: «Ein Bündnis zwischen Kanada und der EU würde ein Leuchtfeuer für andere Demokratien schaffen.»
Die Annäherung ist bislang nicht mehr als eine Ankündigung. Sie zeigt jedoch, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Kanada und den USA unter Präsident Donald Trump verschlechtert hat. Trump hatte zu Beginn seiner zweiten Amtszeit mit Zöllen gegen Kanada gedroht und wiederholt davon gesprochen, Kanada zu einem Teil der USA zu machen. Diese Drohungen nutzte Carney im Wahlkampf: Seine liberale Partei stellte staatliche Souveränität und Handelssicherheit in den Mittelpunkt und ging auf Distanz zu Trump. Die Konservativen unter Pierre Poilievre, die mit dem Slogan «Canada First» für eine Annäherung an Trump warben, verloren deutlich. Carney errang im Frühjahr 2025 fast die absolute Mehrheit.
Der Wahlsieg stärkte Carney den Rücken. In seiner ersten Rede nach dem Sieg sagte er: «Präsident Trump versucht uns zu brechen, damit Amerika uns besitzen kann. Das wird niemals passieren.» Anfang 2026 skizzierte er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Alternative zur US-Orientierung: eine stärkere Zusammenarbeit mittelgroßer Staaten. «Denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte», warnte er. Die jüngste Annäherung an die EU ist in diesem Zusammenhang zu sehen.
James Batchik vom Atlantic Council in Washington sieht darin eine direkte Folge von Trumps Politik. «Wir sollten dieses Vorgehen Kanadas und der EU als direkte Folge von Trumps Handlungen und Rhetorik betrachten», sagte er der «New York Times». Trump verfolge gegenüber Russland und China eine milde Außenpolitik, während er gegenüber Partnern wie Kanada oder der EU «genüssliche Schadenfreude» zeige. Viele in Europa nähmen das ernst und suchten nach anderen Partnern.
Unklar ist, was eine «assoziierte» Mitgliedschaft konkret bedeuten soll. Der Begriff existiert in den EU-Verträgen nicht. Eine reguläre Mitgliedschaft Kanadas ist ausgeschlossen, da EU-Mitglieder in Europa liegen müssen. Entsprechende Bestrebungen Marokkos wurden Ende der 1980er Jahre abgelehnt. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den Begriff im Zusammenhang mit der Ukraine geprägt, um einen Status unterhalb der Vollmitgliedschaft zu beschreiben. Denkbar wären regelmäßige Teilnahmen an Gipfeltreffen ohne Stimmrecht oder die Anwesenheit ukrainischer Abgeordneter im Europäischen Parlament. Carney ließ offen, welche Form der Zusammenarbeit er anstrebt. Unterhalb der Mitgliedsschwelle sind zahlreiche Kooperationen möglich.