Der ehemalige Bayern-Vorstand Oliver Kahn hat mit Unverständnis auf die Aussagen von Bundestrainer Jürgen Klopp zum Spielsystem des deutschen Rekordmeisters reagiert. «Ich habe erst nachdenken müssen, ob er Nationaltrainer ist oder immer noch Fußballexperte», sagte Kahn bei RTL/Sky Sport. «Ich glaube, es geht hier auch ein bisschen um Kollegialität unter den Trainern. Und ich glaube, gerade ein Bundestrainer muss schon genau wissen, was er da sagt.»
Klopp hatte beim 2:2 des FC Bayern München im Champions-League-Spiel gegen den FC Arsenal im Halbzeit-Interview beim Streamingdienst DAZN gesagt, dass er den Plan von Vincent Kompanys Mannschaft im Spiel gegen den Ball immer noch nicht verstanden habe. «Ich habe bis heute nicht abschließend verstanden, was Bayern gegen den Ball macht. Aber ich will mich einfach weiterbilden», sagte Klopp. «Mal ist es hybrid, dann Mann gegen Mann, dann nicht gegen den Mann. Ich lerne immer noch.» Den 59-Jährigen verwirrte insbesondere die Rolle von Torjäger Harry Kane dabei.
Kahn zeigte sich von den Worten des Bundestrainers überrascht. «Mich haben die Worte überrascht, weil man das von einem Bundestrainer normalerweise nicht kennt», betonte der 57-Jährige. Er stellte damit infrage, ob ein Bundestrainer in der Öffentlichkeit derart detailliert über das System eines Bundesligavereins urteilen sollte. Die Kritik richtet sich weniger gegen die sportliche Analyse als gegen den Umgangston und die Rolle, in der Klopp spricht.
Kompany selbst wollte die Aussagen von Klopp nach dem Champions-League-Spiel nicht kommentieren. Für diese Reaktion erhielt er Lob von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Söder sagte, Klopps Zitate seien halb so wild, aber er glaube schon, «dass der Bundestrainer und der größte Verein Deutschlands, Bayern München, in einem guten Miteinander leben sollten». Damit schaltete sich auch die Politik in die Debatte ein, wenn auch mit mäßigenden Worten.
Die Diskussion berührt ein grundsätzliches Spannungsfeld: Ein Bundestrainer beobachtet die Bundesliga und ihre Spitzenvereine genau, äußert sich aber normalerweise zurückhaltend über deren taktische Ausrichtung. Klopp, der als ehemaliger Erfolgstrainer des FC Liverpool und des BVB für seine offene Art bekannt ist, hat mit seiner Analyse eine Debatte ausgelöst, die über das einzelne Spiel hinausgeht. Kahn, der lange für den FC Bayern spielte und später als Vorstand tätig war, betont die kollegiale Ebene zwischen Trainern und die besondere Verantwortung eines Nationaltrainers.
Ob Klopp auf die Kritik reagieren wird, ist offen. Die Aussagen Kahns und Söders machen deutlich, dass die Äußerungen des Bundestrainers in der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt werden. Für den FC Bayern und sein Umfeld steht dabei weniger die sportliche Analyse im Vordergrund als die Frage, wie ein Bundestrainer über einen der wichtigsten Vereine des Landes spricht.