Kanadas Premierminister Mark Carney hat die Teilnahme seines Landes am Eurovision Song Contest 2027 angekündigt. In einer Nachricht auf der Plattform X rief er kanadische Sänger und Liedermacher zur Bewerbung auf: „Wenn du das Zeug dazu hast, Kanada bei der grandiosesten und extravagantesten Musikfeier der Welt zu vertreten, bewirb dich jetzt.“ Die Ankündigung kommt inmitten eines eskalierenden Handelskonflikts mit den USA und wird als weiterer Affront gegen die Regierung von US-Präsident Donald Trump gewertet.
Dass Kanada an dem Gesangswettbewerb teilnimmt, stand bereits seit einiger Zeit fest. Neu ist jedoch, dass sich ein Regierungschef persönlich in den Auswahlprozess einschaltet. Carney, dessen Regierung im Clinch mit Washington liegt, hatte zuvor als Reaktion auf US-Strafzölle eigene Abgaben auf amerikanische Produkte verhängt. Die Eurovision-Ankündigung fügt sich damit in eine Reihe von Maßnahmen ein, mit denen Ottawa seine Distanz zum Nachbarland unterstreicht.
Die Organisatoren des kanadischen Vorentscheids beim Sender CBC begründeten die Teilnahme mit der kulturellen Bedeutung des Wettbewerbs. „Der Eurovision Song Contest ist der größte Live-Musikwettbewerb der Welt. Als echtes Phänomen unter den jüngeren Generationen vereint er jedes Jahr Hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher und auf digitalen Plattformen“, heißt es auf ihrer Webseite. Über die Musik hinaus sei der Wettbewerb „ein starker Motor für kulturellen Einfluss“. Kanadas Teilnahme sei von dem Wunsch getragen, „den Geist des Wettbewerbs voll und ganz zu verkörpern“.
Mit Israel, Aserbaidschan, Armenien und Australien nehmen bereits mehrere nicht-europäische Nationen am ESC teil. In jedem dieser Fälle war die Entscheidung nicht nur popmusikalisch, sondern auch politisch begründet. Dass nun auch Kanada eine Einladung erhalten hat, wird in diplomatischen Kreisen als kulturpolitisches Zeichen verstanden, das die wachsende Distanz zwischen Ottawa und Washington widerspiegelt.
Hintergrund der angespannten Beziehungen ist der von Trump ausgelöste Handelskrieg. Kanada reagierte mit Gegenzöllen auf US-Produkte. In diesem Zusammenhang gewinnt eine Idee wieder an Fahrt, die bereits seit Jahren auf dem diplomatischen Parkett diskutiert wird: Kanada könnte Mitglied der Europäischen Union werden. „Wenn du schon nicht geografisch Einfluss auf deine Nachbarn nehmen kannst, dann versuche es über die Institutionen“, zitiert das US-Magazin „New Yorker“ den portugiesischen Politiker Bruno Maçães, der als Befürworter eines EU-Beitritts Kanadas gilt.
Zwar gibt es eine geografische Grenze zwischen Kanada und der EU – durch einen schmalen Streifen Land in der Arktis, der zu Grönland und damit technisch zu Dänemark gehört. Doch bevor der nordamerikanische Staat als EU-Territorium deklariert werden könnte, dürften rechtlich hohe Hürden zu überwinden sein, da die EU-Verträge hohe Ansprüche an eine Mitgliedschaft stellen. Unmöglich wäre der Schritt jedoch nicht. Der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb bezeichnete ein Zusammengehen zwischen Kanada und der EU bei einem Besuch in Ottawa als „Traumehe“. Auch der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel befürwortete eine Mitgliedschaft Kanadas: „Ohnehin ist Kanada europäischer als manches Mitglied der Europäischen Union“, sagte der SPD-Politiker dem „Weser-Kurier“.
Die Beziehungen zwischen Ottawa und Brüssel haben sich seit dem zweiten Amtsantritt Trumps stetig vertieft. Kanada und die EU haben ein Abkommen zur strategischen Partnerschaft unterzeichnet, das eine Kooperation im Bereich Rüstung und Verteidigung vorsieht. Mit dem Freihandelsabkommen Ceta wurden fast alle Handelsbeschränkungen aufgehoben. Im Februar 2026 wurde Kanada zudem erstes nicht-europäisches Mitglied der Safe-Initiative, einem Gemeinschaftsprojekt zur Förderung der Rüstungsindustrie. Auch im Wissenschaftsbereich arbeiten beide Seiten enger zusammen, etwa durch Kanadas Teilnahme am Pillar II des Horizon-Europe-Programms.
Carney kündigte an, die Zusammenarbeit weiter auszubauen: „In diesem Herbst werden wir intensive Gespräche mit der EU führen, um eine noch stärkere politische und sicherheitspolitische Partnerschaft auf den Weg zu bringen“, sagte er kürzlich bei einer Rede in Ottawa. Es war dieselbe Rede, in der er zuvor die Strafzölle gegen US-Handelsgüter verteidigt und der US-Regierung schwere Vorwürfe gemacht hatte.