Ein Polizist in Frankreich ist wegen Gewaltanwendung angeklagt worden, weil er während der Schülerproteste einem 14-Jährigen aus nächster Nähe eine Tränengasgranate ins Gesicht geschossen hat. Der Beamte wurde nach dem Vorfall in Saint-Ouen-l'Aumône nordwestlich von Paris nicht in Untersuchungshaft genommen, sondern unter richterliche Aufsicht gestellt. Das teilte der örtliche Staatsanwalt am Dienstag mit.
Der Jugendliche namens Eden verlor durch die Granate einen Großteil seiner Zähne und wurde im Gesicht schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft erklärte, der Junge habe mehrere Zähne verloren, einen gebrochenen Kiefer erlitten und müsse operiert werden. Seine Mutter berichtete am Montag, Eden könne seinen Kiefer nicht öffnen, nicht sprechen und müsse durch einen Strohhalm Nahrung zu sich nehmen. Seine oberen Zähne seien gebrochen, die unteren herausgerissen worden.
Im Internet geteilte Videos des Vorfalls zeigen drei Polizisten mit Helmen, die dem 14-Jährigen gegenüberstehen. Einer von ihnen schlägt den Jugendlichen, der daraufhin austritt. Dann fliegt die Tränengasgranate ins Gesicht des Jungen, der zu Boden stürzt. Der Polizist sagte dem Staatsanwalt von Pontoise, Guirec Le Bras, er habe die Waffe als Reaktion auf den Widerstand des 14-Jährigen eingesetzt. Laut Le Bras waren jedoch die Voraussetzungen für Notwehr nicht erfüllt. Zum Einsatz der Granate habe die Verhältnismäßigkeit gefehlt. Das Vergehen könne mit bis zu 15 Jahren Haft geahndet werden, sagte der Staatsanwalt.
Die Polizei hatte während der landesweiten, teils gewalttätigen Schülerproteste Tränengas und andere Mittel eingesetzt, um die von ihr als städtische Gewalt bezeichnete Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen und viele der Schüler warfen der Polizei die Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt vor. Nach Angaben des Innenministeriums wurden auch am Dienstag bei landesweiten Protesten wieder mindestens 488 Menschen festgenommen und 43 Sicherheitskräfte verletzt. Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten, dass die Proteste vorwiegend friedlich verliefen, es jedoch vereinzelt zu Zusammenstößen kam. Dabei warfen Demonstrierende mit Gegenständen, woraufhin die Polizei Tränengas einsetzte.
Die Schüler blockieren seit Mitte September landesweit den Zugang zu hunderten Schulen, um für bessere Lernbedingungen zu demonstrieren. Konkret fordern sie unter anderem mehr Lehrer, kleinere Klassen, kürzere Schultage und eine bessere Ausstattung der Schulen. Zugleich scheint sich eine allgemeine Wut angesichts von Ungerechtigkeiten im Bildungssystem und fehlenden Perspektiven Bahn zu brechen. Laut dem Innenministerium demonstrierten am Dienstag erneut rund 256.000 Menschen in zahlreichen Städten. Seit vergangener Woche habe es mindestens 6547 Festnahmen gegeben.
Der Fall des 14-Jährigen ist nicht der einzige Vorwurf gegen die Polizei. Die Anklage gegen den Beamten dürfte die Debatte über den Einsatz von Tränengas und die Verhältnismäßigkeit polizeilicher Maßnahmen bei den Protesten weiter anheizen. Die Schülerproteste dauern an.