Das Studio BioWare steht für einige der bekanntesten Rollenspiele der Branche, darunter Knights of the Old Republic, Mass Effect und Dragon Age. Nach der Nachricht von seiner Schließung erinnern sich viele Fans an diese Reihen. Doch jedes Studio hat auch Ausreißer in seinem Katalog, und bei BioWare ist das eindeutig Sonic Chronicles: The Dark Brotherhood aus dem Jahr 2008.
Das Nintendo-DS-Spiel ist das erste und einzige Handheld-Projekt des Studios. BioWare hatte zwar bereits mit fremden Marken gearbeitet, nachdem ein Star-Wars-Spiel entstanden war, doch die bunte Welt von Sonic, Tails, Knuckles und den übrigen Figuren unterschied sich deutlich von dem, was die Autoren gewohnt waren. Das Projekt war kein kleiner Nebenbei-Auftrag: Ein Team von rund 30 Entwicklern arbeitete daran. Die Leitung hatte Mark Darrah, der auch die ersten beiden Dragon-Age-Spiele betreute, das Drehbuch schrieb Jay Turner, der an Mass Effect 2 und 3 mitgewirkt hatte.
Die Handlung war komplexer als gewohnt für Sonic, aber deutlich einfacher als sonst bei BioWare. Im Zentrum steht ein Stamm von Echidnas aus einer alternativen Dimension, der neue, fremdartige Figuren und Konzepte einführt. Die Dialoge galten als gelungen. Der Spieler übernahm die Rolle von Sonic und konnte in Gesprächen zwischen mitfühlenden, neugierigen oder schlicht unhöflichen Antworten wählen. Diese Entscheidungen beeinflussten zwar den Gesprächsverlauf, die romantische Spannung mit Amy Rose oder die Frage, ob bestimmte Kämpfe entfielen, doch Auswirkungen auf den Handlungsverlauf hatten sie nicht.
Technisch nutzte das Spiel die Möglichkeiten des DS. Die Navigation durch die Spielwelt fand auf dem unteren Bildschirm statt, gesteuert mit dem Stift. Die handgezeichneten 2D-Umgebungen aus isometrischer Perspektive wirkten auf viele Spieler ungewohnt. Statt Echtzeitkampf setzte BioWare auf rundenbasierte Gefechte. Spezialangriffe verlangten Tippen und Wischen auf dem Touchscreen, ähnlich wie in Elite Beat Agents. Das war originell und zunächst packend, wurde aber schnell ermüdend.
Die Qualität des Spiels bleibt umstritten. Besonders der Soundtrack gilt vielen als kaum erträglich, mit MIDI-Stücken, die man sich kaum als Ergebnis vernünftiger Arbeit vorstellen kann. Im Internet und in mehreren Rückblicken kursiert die Behauptung, der eigentliche Soundtrack sei etwa eine Woche vor dem Druck der Module aus rechtlichen Gründen ersetzt worden. Eine verlässliche Quelle dafür gibt es allerdings nicht.
Warum nie eine Fortsetzung erschien, bietet einen der interessantesten Aspekte der Geschichte. Die Übernahme von BioWare durch EA half dem Spiel nach Ansicht vieler nicht. Häufig genannt wird aber auch der Comic-Autor und -Zeichner Ken Penders, der bei Sonic-Fans wegen seiner Klagefreudigkeit bekannt ist. Penders verklagte Sega und EA und machte geltend, die Schurken von Sonic Chronicles ähnelten zu stark seinem eigenen Echidna-Klan aus den Sonic-Comics von Archie. Die Klage wurde abgewiesen. Seitdem, so wird vermutet, habe Sega diese Figuren gemieden, um weiteren juristischen Ärger zu vermeiden.
Das Spiel endet mit einer Titelkarte, die mit einem drohenden »THE END?« überschrieben ist. Der angedeutete Cliffhanger wurde nie aufgelöst. Sonic Chronicles wird wohl nie ein Vermächtnis haben, das auch nur annähernd an die übrigen Werke von BioWare heranreicht. Trotzdem verdient es Aufmerksamkeit. Wer ein Studio würdigt, sollte nach Ansicht des Textes Gutes, Schlechtes und Seltsames gleichermaßen benennen, also auch Flops wie Mass Effect: Andromeda und Anthem neben Jade Empire oder Baldur’s Gate. Wenn man das Gesamtwerk betrachtet, ist Sonic Chronicles: The Dark Brotherhood das kuriosere Spiel von allen.