Eine ungewöhnlich weit westlich verlaufene Überfahrt über den Ärmelkanal hat Portsmouth in der Nacht zum Montag zu einem neuen Brennpunkt der britischen Migrationsdebatte gemacht. Rund 140 Migranten wurden nach der Fahrt in einem überfüllten Boot bei Eastney an Land gebracht. Kurz darauf blockierten Hunderte Gegner der Migration Straßen und versuchten, den Weitertransport der Ankommenden zu verhindern.
Begonnen hatte der Einsatz auf französischer Seite. In der Nacht vom 5. auf den 6. September wurde dem französischen Seenotrettungszentrum CROSS Jobourg ein Boot westlich der Seine-Bucht gemeldet. Die französische Seepräfektur bezeichnete einen Start in diesem Gebiet als ungewöhnlich.
Mehrere Rettungsboote der SNSM, der Hochseeschlepper Abeille Liberté und zwei Hubschrauber wurden eingesetzt, um das überladene Boot zu überwachen und bei einer Notlage eingreifen zu können. Nach Angaben der Seepräfektur setzten die Menschen an Bord ihre Fahrt in Richtung Großbritannien fort, nachdem sie angebotene Hilfe abgelehnt hatten, solange das Boot noch weiterfahren konnte.
Später trafen zwei Rettungsboote der britischen RNLI auf das Boot und brachten die Insassen nach Portsmouth. Die britische Küstenwache erklärte, sie habe zusätzlich Rettungsboote, einen Hubschrauber, ein Flugzeug und Küstenrettungsteams mobilisiert. Auch Border Force, Border Security Command, die Polizei in Hampshire und der Rettungsdienst waren beteiligt.
Der Landungsort machte die Lage besonders schwierig. Die britischen Abläufe für Menschen, die mit kleinen Booten über den Kanal kommen, sind stark auf Kent ausgerichtet. Portsmouth liegt deutlich weiter westlich und ist kein regulärer Standort für die Aufnahme und Bearbeitung größerer Gruppen dieser Art. Die in Eastney an Land gebrachten Menschen wurden schließlich aus Hampshire zur üblichen Bearbeitung weitertransportiert; als erwartetes Ziel wurde das Aufnahmezentrum Manston in Kent genannt.
Noch vor der Abfahrt der Busse versammelten sich Hunderte Demonstranten. Straßen rund um Eastney wurden blockiert, und Teilnehmer versuchten, den Transport zu verhindern. Die Polizei stellte sich mit Schutzschilden zwischen die Menge und die Fahrzeuge und verhängte eine Auflösungsverfügung. Nach Angaben der Polizei wurden bis etwa 4 Uhr morgens rund 200 verbliebene Demonstranten zerstreut.
Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurden Fahrzeuge der Polizei, der Küstenwache und der Grenzbehörde beschädigt. Eine kleine Zahl von Polizisten wurde wegen Verletzungen vor Ort behandelt; schwere Verletzungen wurden nicht gemeldet. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, um Verantwortliche für mögliche Angriffe, Sachbeschädigungen und weitere Straftaten zu identifizieren. Zum Zeitpunkt der Mitteilung gab es noch keine Festnahmen.
Die britische Regierung verurteilte einschüchterndes und gewalttätiges Verhalten, betonte aber zugleich das Recht auf friedlichen Protest. Bereits am Samstag hatte eine weitere Protestaktion gegen Migration den Zugang zum Hafen von Dover erheblich gestört. Damit standen innerhalb von zwei Tagen zwei wichtige Punkte an der Südküste unter zusätzlichem Polizeidruck.
Für die europäische Debatte ist vor allem die Geografie der Überfahrt interessant. Die französische Behörde selbst bezeichnete den Abfahrtsbereich als ungewöhnlich. Das bedeutet noch nicht, dass sich eine neue dauerhafte Route etabliert hat. Es zeigt aber, dass die Kontrolle an bekannten Abschnitten des Kanals nicht automatisch verhindert, dass einzelne Boote andere und längere Wege versuchen.
Die britischen Jahreszahlen sind zuletzt gesunken. Im Zwölfmonatszeitraum bis Ende Juni 2026 registrierte das Innenministerium 33.374 Ankünfte mit kleinen Booten, 23 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dieser Rückgang steht jedoch neben dem operativen Risiko einzelner großer und ungewöhnlicher Überfahrten.
Donna Jones, die für Polizei und Kriminalität zuständige Beauftragte in Hampshire und auf der Isle of Wight, erklärte, Portsmouth sei für eine solche Aufnahme und Bearbeitung nicht ausgerüstet. Der Einsatz habe erhebliche Polizeikapazitäten gebunden. Damit verschiebt sich die Frage von der reinen Zahl der Überfahrten auf die Belastbarkeit der Infrastruktur entlang der gesamten Südküste.
Ob Portsmouth künftig häufiger betroffen sein wird, ist offen. Für die Behörden auf beiden Seiten des Ärmelkanals hängt viel davon ab, ob die Fahrt vom Wochenende ein Einzelfall bleibt oder ob weitere Boote den längeren westlichen Weg versuchen. Genau daran wird sich entscheiden, ob aus einem ungewöhnlichen Einsatz eine neue Aufgabe für die Grenz- und Rettungssysteme wird.