Die Regierungsparteien Union und SPD haben sich in letzter Minute vor der Kabinettssitzung am Mittwoch auf einen Kompromiss zur Finanzierung der Pflegeversicherung verständigt. Die große Reform wurde jedoch vertagt. Eine Kommission soll im kommenden Jahr weitere Vorschläge vorlegen. Aus der Pflegepraxis kommt deutliche Kritik an diesem Vorgehen.
Der Intensivpfleger Ricardo Lange äußert im Gespräch mit t-online scharfe Kritik an der Bundesregierung. Seine Hoffnungen, die er nach einem Austausch mit Bundeskanzler Friedrich Merz vor dessen Amtsantritt gehegt hatte, seien «zu hundert Prozent enttäuscht worden». In der Corona-Zeit habe nicht das fehlende Material, sondern das fehlende Personal das zentrale Problem dargestellt. «Jetzt ist Corona vorbei, das Klatschen ist abgeklungen – und man fängt wieder an zu sparen», beklagt Lange. Er stört sich vor allem daran, dass «so oft über Pflege gesprochen wird, aber nicht mit Pflegekräften».
Lange betont, dass Pflege keine Kostenposition, sondern eine Investition sei. Jede noch so kleine pflegerische Maßnahme habe unmittelbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden und den Genesungsprozess der Patienten. Als Beispiele nennt er die Folgen unterlassener Umlagerung, die zu Druckstellen, Entzündungen und im schlimmsten Fall zu einer Blutvergiftung führen könne. Fehlende Mundpflege bei beatmeten Patienten könne eine Lungenentzündung auslösen. Ohne Mobilisation drohten Thrombosen, die eine Lungenarterienembolie verursachen könnten. «All das kann Patienten das Leben kosten», warnt der Intensivpfleger.
Neben den lebensbedrohlichen Komplikationen gehe es oft schlicht um Menschenwürde. Auf der Intensivstation müssten Pflegekräfte ständig entscheiden, wer ihre Hilfe zuerst benötige. Tätigkeiten wie Haarekämmen fielen dann hinten runter. Wenn bei einer jungen Patientin wochenlang niemand Zeit für die Haarpflege habe, verfilzten die Haare so stark, dass am Ende nur noch das Abschneiden bleibe. «Es ist menschenunwürdig, wenn eine junge Frau das Krankenhaus mit Glatze verlassen muss, nur weil niemand Zeit hatte, sich um ihre Haare zu kümmern», so Lange. Pflege sei manchmal nicht der Unterschied zwischen Leben und Tod, sondern zwischen Würde und Entwürdigung.
Als Hauptursache für diese Missstände benennt Lange den Personalmangel. Wenn zu wenige Pflegekräfte zu viele Patienten versorgen müssten, steige die Komplikationsrate. Es komme häufiger zu Infektionen, Blutvergiftungen und Fehlern bei der Medikamentengabe. Komplikationen würden schneller übersehen, weil die Aufmerksamkeit auf zu viele Menschen verteilt werden müsse. Dies belaste letztlich die Solidargemeinschaft, da längere Krankenhausaufenthalte finanziert werden müssten.
Die von der Bundesregierung geplante Erschwerung des Zugangs zu Pflegestufen hält Lange für kontraproduktiv. «Nur weil man die Hürde höher legt, wird der Pflegebedarf nicht kleiner», betont er. Erhalte jemand nicht die Pflegestufe, die seinem tatsächlichen Bedarf entspreche, könne es zu Stürzen kommen, weil die Person allein sei oder ihre Tabletten nicht nehme. Im Krankenhaus erlebten sie immer wieder ältere Menschen, die mit Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert würden – und am Ende stelle sich heraus, dass sie schlicht zu wenig getrunken hätten. «An der Pflege kann man nicht sparen», fasst Lange zusammen.
Angesichts des Sparbedarfs im Haushalt zeigt Lange kein Verständnis für die Prioritätensetzung. Zwar halte er Investitionen in Verteidigung für richtig, doch: «Verteidigungsfähigkeit ohne ein intaktes Gesundheitssystem ist eine Illusion.» Wer solle im Ernstfall die Verletzten und Traumatisierten versorgen? Das Gesundheitssystem sei dafür unerlässlich. Es sei offenbar Geld da, dennoch werde an der Gesundheit gespart. Stattdessen fordert Lange mehr Ausgaben, vor allem für Prävention, damit Menschen gar nicht erst krank oder pflegebedürftig würden und möglichst lange selbstständig blieben. «An Gesundheit und insbesondere an der pflegerischen Versorgung zu sparen, ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch volkswirtschaftlich kurzsichtig», so der Intensivpfleger.