Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, hat sich deutlich gegen die AfD positioniert und vor den wirtschaftlichen Folgen einer Regierungsbeteiligung der Partei gewarnt. Die wirtschaftspolitischen Ideen der AfD schadeten der exportorientierten Industrie in Deutschland, sagte Müller wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Partei nutze die Verunsicherung der Menschen in Zeiten großer Veränderung aus, biete aber keine konkreten oder tauglichen Lösungen an.
Müller begründete ihre Kritik mit der Haltung der AfD zu zentralen Zukunftsthemen. Die Partei sei innovationsfeindlich, etwa bei Elektroautos, Forschung und Entwicklung oder erneuerbaren Energien. Wer aus dem Euro aussteigen oder die Europäische Union verlassen wolle, begehe einen großen Fehler. Stattdessen müsse sich Deutschland gemeinschaftlich stark machen und neue Allianzen suchen. Die AfD stelle sich zwar als Anwalt der Autokonzerne dar und wolle das Verbrenner-Aus zurücknehmen, doch der VDA fordere Technologieoffenheit, etwa Verbrenner mit klimaneutralen Kraftstoffen. Dafür sei ein Ausbau erneuerbarer Energien nötig, den die AfD jedoch restriktiv sehe.
Die Branche leidet unter einem erheblichen Arbeitsplatzabbau. Nach Angaben Müllers gehen in Deutschland pro Monat rund 12.000 Industriearbeitsplätze verloren, ein großer Teil davon in der Autoindustrie. Aktuell arbeiten etwa 700.000 Menschen in der Branche, der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik. Müller betonte, die Verluste seien nicht auf fehlende Innovationskraft zurückzuführen. Es gebe gewaltige Investitionen in die Zukunft: rund 320 Milliarden Euro in Forschung, Entwicklung und Digitalisierung sowie weitere 220 Milliarden Euro in den Auf- und Umbau von Werken.
Die Ursachen für den Stellenabbau sieht die VDA-Präsidentin vor allem in der Transformation vom Verbrenner zur Elektromobilität. Ein Verbrenner habe deutlich mehr Komponenten als ein Elektroauto, weniger Teile bedeuteten weniger Arbeitsplätze. Diese Konsequenz treffe viele Menschen, viele Regionen und vor allem die Zulieferer. Neue Arbeitsplätze entstünden zwar durch die Transformation, aber nicht in gleicher Zahl und immer seltener in Deutschland. Investitionen wanderten ab, Deutschland verliere schon im innereuropäischen Wettbewerb den Anschluss. Arbeitskosten, Bürokratie, Steuern und Energiekosten lägen am oberen Ende. Über 70 Prozent des Mittelstands sähen sich nicht mehr in der Lage, in Deutschland zu investieren.
Müller warnte vor den langfristigen Folgen dieser Entwicklung. Es werde eine wettbewerbsfähige Autoindustrie geben, aber sie werde nicht mehr mit dieser Zahl von Arbeitsplätzen in Deutschland verbunden sein, wenn Berlin und Brüssel nicht gegensteuerten. Der Verband habe berechnet, dass die Transformation zwischen 2019 und 2035 etwa 225.000 Arbeitsplätze kosten werde, zunächst sei man von 190.000 ausgegangen. Diese Zahl könne weiter steigen, wenn neue Investitionen nicht in Deutschland getätigt würden. Wenn Zulieferer oder Hersteller in den Regionen wegfielen, fehlten schnell auch der Arzt, die Bäckerei, der Laden oder die Grundschule, ganze Ökosysteme bekämen Probleme.
Die Politik müsse die Lage endlich ernst nehmen, forderte Müller. Die Regierenden in Berlin und Brüssel gingen die Probleme nicht entschlossen und mutig genug an. Die Lage sei so komplex wie lange nicht, verwies sie auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine und Zollkonflikte. Zugleich wies sie Tendenzen von Unternehmern zurück, die sich der AfD zuwenden. Ihr seien in der Autoindustrie solche Tendenzen nicht bekannt. Die Branche teile ihre Einschätzung weit überwiegend, weil sie stärker in der globalen Wirklichkeit lebe als andere Wirtschaftsbereiche. Die Unternehmen mahnten jedoch zu Recht Reformen an, und die Arbeitnehmer seien verunsichert.