Auf dem Truppenübungsplatz Annaburger Heide in Sachsen haben rund 300 Einsatzkräfte der Medizinischen Taskforces Leipzig, Dresden und Chemnitz erstmals einen Nato-Bündnisfall in einem 24-Stunden-Echtzeitbetrieb geprobt. Drei Tage lang wurde Ende September die Versorgung von bis zu 100 simulierten Verletzten trainiert, die nach militärischen Angriffen in mehreren östlichen Nato-Staaten angefallen wären. Es war die deutschlandweit erste Übung dieser Art und eine der größten gemeinsamen Zivilschutzübungen seit Jahren.
Das Szenario sah vor, dass ein Nato-Bündnisland um deutsche Hilfe ersucht. Am Dienstag ging das simulierte Hilfegesuch ein, am Mittwoch folgte der Einsatzbefehl, am Donnerstag der Marschbefehl. Am Freitag wurde der Behandlungsplatz in Betrieb genommen – drei Tage nach Eingang des Gesuchs. Die Verletzten werden an einem zu definierenden Punkt X übernommen, wie Peter Appelt, medizinischer Leiter der MTF Leipzig, erläutert: «Das kann ein Bahnhof, eine Übergabestelle oder die deutsch-polnische Grenze sein.» Von dort bringen Krankentransporte die Verwundeten zum Zeltlager.
In der Annaburger Heide herrschte reges Treiben: Krankenwagen fuhren ein und aus, Einsatzkräfte mit Funkgeräten liefen zwischen weißen Behandlungszelten umher, Verwundete wurden auf Liegen transportiert. Ein Sanitäter streifte sich blaue Einweghandschuhe über und öffnete die Hecktüren eines Krankenwagens, in dem eine bewusstlose junge Frau mit Schussverletzung lag. Im Zelt mit der Aufschrift «Sichtung» begutachteten Notärzte und Sanitäter ihren Zustand und ordneten sie der Kategorie Rot zu – sie musste sofort weiterbehandelt werden. Verbrennungen, Knochenbrüche, Schussverletzungen: Mehr als 18 Stunden lang wurden die Verletzten versorgt, in Schichtarbeit, rund um die Uhr.
Die Übung fällt in eine Zeit wachsender Spannungen zwischen Russland und der Nato. Seit dem Angriff auf die Ukraine hat sich die Bedrohungslage verändert. Moskau nimmt die westlichen Unterstützer der Ukraine zunehmend ins Visier, provoziert Nato-Länder durch Grenzüberschreitungen mit Kampfjets und durch Anschlagsversuche. Erst am Montag warnte BND-Präsident Martin Jäger, Deutschland sei in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten. Russland führe einen «Schattenkrieg» gegen Deutschland, die Gefahr von Anschlägen sei «weiter real und gegenwärtig». Auch «niedrigschwellige militärische Aktivitäten» Russlands, insbesondere im Baltikum, seien möglich. Die Drohnenvorfälle am Leipziger Flughafen und beim Bundeswehrfliegerhorst in Wunstorf hatten zuletzt gezeigt, wie schnell ein Bündnisfall eintreten könnte.
Peter Appelt, 40 Jahre alt und internistischer Intensivmediziner an der Uniklinik Leipzig, kennt den Wandel aus eigener Erfahrung. Vor mehr als 20 Jahren begann er im Katastrophenschutz, heute leitet er die MTF Leipzig. Damals sei eine solche Übung kein Thema gewesen, sagt er. Dass ein Angriff auf das Nato-Bündnis tatsächlich erfolgen könnte, daran habe auch er sich erst gewöhnen müssen. Heute werde der Zweck des Zivilschutzes viel offener benannt. Für Appelt sei das zunächst befremdlich gewesen, der Gedanke an Krieg weit weg. «Krieg ist scheiße. Keiner will, dass es so weit kommt», sagt er. Aber man müsse vorbereitet sein, um zu helfen. «Deshalb machen wir das ja alles ehrenamtlich.»
Bundesweit gibt es 61 solcher Medizinischer Taskforces. Sie setzen sich aus verschiedenen Hilfsorganisationen zusammen und sind Teil des Bevölkerungsschutzes. Für die Übung in Sachsen bauten Appelt und sein Team den Behandlungsplatz auf, die MTFs aus Dresden und Chemnitz übernahmen im Wechsel Schichten. Appelt lobte den Bund, der für den Zivilschutz zuständig ist. Die Abläufe auf dem Behandlungsplatz hätten sich eingespielt. Doch der medizinische Leiter benennt auch Grenzen: «Ärztinnen und Ärzte fehlen ganz massiv.» Die Übung zeigt damit sowohl die Möglichkeiten als auch die Schwächen der deutschen Vorbereitung auf einen Bündnisfall.