Die Europäische Union beschleunigt den Aufbau eines eigenen Satellitenkommunikationsnetzes, um die Abhängigkeit von Elon Musks Starlink zu verringern. Das Programm Iris² – «Infrastruktur für Resilienz, Vernetzung und Sicherheit per Satellit» – soll ab 2029 militärische und zivile Nutzer in ganz Europa mit sicheren Breitbandverbindungen versorgen. Hintergrund sind wachsende Zweifel an der politischen Verlässlichkeit des US-Unternehmers, dessen Satellitensystem im Ukraine-Krieg eine Schlüsselrolle spielt.
Die Ukraine liefert das jüngste Beispiel für die Risiken dieser Abhängigkeit. In der Nacht zum Mittwoch berichteten ukrainische Einheiten von plötzlichen Störungen bei der Steuerung ihrer Drohnen. Die Starlink-Terminals arbeiteten zwar weiter, doch die für den Internetempfang nötigen Geräte funktionierten nicht in vollem Umfang. Die Folge waren Ausfälle von zehn bis zwanzig Sekunden, verzögerte oder ausbleibende Steuerbefehle und Drohnen, die sich oberhalb einer bestimmten Geschwindigkeit nicht mehr in Echtzeit lenken ließen. Die Gefechtsfeldführung war gestört, die Chance, bewegliche Ziele abzufangen, verschlechterte sich. Zusatzfunktionen des militärischen Dienstes Starshield waren deaktiviert. Einige Einsätze scheiterten, andere mussten abgebrochen werden.
Eine offizielle Bestätigung dafür, dass die US-Regierung kurzzeitig den Zugang eingeschränkt hat, gibt es bislang nicht. Die Probleme haben sich inzwischen entschärft. Dennoch fordern republikanische Senatoren eine Untersuchung der Starshield-Beschränkungen und werfen Präsident Trump vor, Russlands Präsident Putin zu unterstützen. Das Ereignis macht deutlich, wie verwundbar moderne Armeen sind, wenn sie auf Satellitendienste eines einzelnen Anbieters setzen. Die USA könnten mit einem Knopfdruck militärische Fähigkeiten entscheidend schwächen.
Diese Erkenntnis ist längst nicht mehr nur in der Ukraine präsent. Die EU hat deshalb 2024 beschlossen, ein breit aufgestelltes europäisches System aufzubauen. Im August unterzeichneten die EU-Kommission und das SpaceRISE-Konsortium ein Abkommen, das die Umsetzung von Iris² einleitet. Der ursprüngliche Konzessionsvertrag vom Dezember 2024 sah 290 Satelliten und ein Volumen von 10,55 Milliarden Euro vor. Inzwischen wird mit mehr als 15,6 Milliarden Euro und zusätzlichen Satelliten geplant. 11,6 Milliarden Euro stammen aus öffentlichen Mitteln der EU-Kommission und der Europäischen Weltraumorganisation ESA, die Industriepartner bringen gemeinsam bis zu vier Milliarden Euro auf. 2029 sollen die Satelliten im All sein.
Neben Iris² existiert mit OneWeb bereits ein weitgehend europäisches Netz. Der Anbieter Eutelsat betreibt 648 Satelliten in rund 1.200 Kilometern Höhe. Frankreich und Großbritannien sind große Anteilseigner der Eutelsat Group mit Sitz in Paris, auch ein indischer Konzern ist beteiligt. Kunden sind nicht nur Schifffahrt, Ölplattformen und abgelegene Industriestandorte, sondern zunehmend auch Verteidigungsbehörden, die darüber Backup-Verbindungen und sichere Satellitenkommunikation abwickeln. Taiwan hat Eutelsat 2024 beauftragt, die Telekommunikationsinfrastruktur des Landes zu stärken, nachdem Zweifel an der politischen Verlässlichkeit von Elon Musk aufgekommen waren.
Deutschland verfolgt neben den EU-Plänen ein eigenes Vorhaben. Der Raumfahrtkonzern OHB, einer der Lieferanten für Iris², hat einen Auftrag über knapp eine Milliarde Euro für den Bau von 18 Satellitenplattformen erhalten. Gemeinsam mit Rheinmetall Digital bewirbt sich das Unternehmen zudem um einen Bundeswehr-Auftrag im Bereich Satellitenkommunikation, der bis zu zehn Milliarden Euro schwer sein könnte. Die Rede ist von einem militärischen «Starlink für die Bundeswehr». Dieses nationale Vorgehen steht allerdings im Spannungsverhältnis zur EU-Idee, Alleingänge zu vermeiden und Iris² breiter aufzustellen, auch für zivile Nutzungen.
Auch China treibt den Aufbau eigener Satellitenkonstellationen voran. Am 16. September brachte eine Gravity-1-Rakete erstmals von einem Spezialschiff vor Shanghai Satelliten für das Projekt Qianfan – «Tausend Segel» – in den Orbit. Fischer und die Handelsschifffahrt mussten ihre Routen ändern. Pläne für das System existieren seit 2018, verliefen aber lange schleppend. Eine Analyse des Berliner Mercator Institute for China Studies kommt zu dem Schluss, dass Chinas Militär vom umfassenden Einsatz von Starlink im Ukraine-Krieg überrascht wurde, was den Bedarf an einer eigenen Konstellation noch verstärkte. In Brasilien bietet China seine Dienste bereits an. 256 der chinesischen Satelliten sind bislang gestartet.