Das Kaspische Meer entwickelt sich nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste zu einem zentralen militärischen Logistikkorridor zwischen Russland und dem Iran. Mehr als 24 russische Schiffe sollen Nachschub für den iranischen Krieg gegen die USA aus russischen Häfen in den nordiranischen Hafen Amirabad gebracht haben. Das berichtet NBC News unter Berufung auf ein Dokument einer nicht namentlich genannten europäischen Regierung. Ein westlicher Regierungsvertreter soll die Echtheit des Papiers bestätigt haben, das selbst nicht veröffentlicht wurde.
Die Ladung ist brisant: Neben Munition und Drohnenkomponenten soll Russland auch Sprengstoffe geliefert haben, die etwa bei der Herstellung von Sprengköpfen für ballistische Raketen verwendet werden können. Der Iran versucht nach fast sechs Monaten Krieg gegen die USA und Israel, beschädigte Produktionsanlagen wiederherzustellen und seine Bestände an Drohnen und anderen militärischen Gütern aufzufüllen. Russische Lieferungen könnten Teheran dabei maßgeblich helfen. Ein russischer Vertreter wies die Angaben bei NBC als „falsch“ zurück.
Viele der im Bericht genannten Schiffe stehen bereits unter Sanktionen der USA oder der Europäischen Union. Einige werden von der russischen Reederei MG-Flot betrieben. Mehrere Frachter sollen zeitweise ihr automatisches Identifikationssystem AIS abgeschaltet haben, wodurch sich Position und Kurs schlechter verfolgen lassen. Das Abschalten der Sender ist allerdings kein Beweis für die Art der verschifften Fracht, da über das Kaspische Meer auch harmlose Güter wie Getreide und andere Handelswaren transportiert werden. Glen Howard, Präsident der geopolitischen Denkfabrik Saratoga Foundation, sagte gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty: „Wir wissen schlicht nicht, was sich in den Ladungen dieser Schiffe befindet.“
Der Korridor selbst ist nicht neu, doch die Richtung hat sich umgekehrt. Das US-Finanzministerium erklärte bereits im September 2024, dass mehrere Schiffe von MG-Flot regelmäßig zwischen Russland und dem Iran verkehrten. Der Frachter „Port Olya-3“ sei genutzt worden, um iranische Kurzstreckenraketen nach Russland zu bringen. Washington verhängte damals Sanktionen gegen den MG-Flot-Vorsitzenden Dschamaldin Paschajew und erfasste vier Schiffe des Unternehmens als blockiertes Eigentum. Das von Paschajew kontrollierte Firmennetzwerk habe seit 2021 mehr als 200 Vereinbarungen über den Seetransport militärischer Güter abgewickelt. Die EU setzte im November 2024 MG-Flot selbst auf ihre Sanktionsliste und verhängte Transaktionsverbote gegen die iranischen Häfen Amirabad und Anzali.
Der Iran hatte Russland nach Beginn der großangelegten Invasion in der Ukraine mit Drohnen und anderen Kriegsgütern unterstützt. Teheran half Moskau auch beim Aufbau der Produktion iranisch entwickelter Shahed-Drohnen in der Sonderwirtschaftszone Alabuga. Russland stellt dort inzwischen eigene Varianten der Waffen in großer Zahl her und ist dadurch weniger auf fertige Drohnen aus dem Iran angewiesen. Die Route über das Kaspische Meer ist für beide Länder wertvoll, weil das Binnenmeer keine direkte Verbindung zu den Weltmeeren hat. Russland kann in Astrachan oder im weiter südlich gelegenen Hafen Olya Waren verladen und ohne Passage durch eine von westlichen Staaten kontrollierte Meerenge in den Iran bringen.
Russland und der Iran haben die Abschottung des Kaspischen Meeres auch politisch festgeschrieben. In ihrem seit Oktober 2025 geltenden strategischen Partnerschaftsvertrag bekennen sich beide Länder zu dem Grundsatz, dort keine Streitkräfte von Nichtanrainerstaaten zuzulassen. Zugleich vereinbarten sie eine engere militärtechnische Zusammenarbeit und eine Ausweitung ihrer See- und Landtransporte. Vollständig geschützt ist die Route dennoch nicht: Ukrainische Kräfte griffen am 25. Juli ein iranisches Schiff im Kaspischen Meer an. Der ukrainische Geheimdienst SBU erklärte, das Schiff habe militärische Güter zwischen Russland und dem Iran transportiert. Teheran sprach dagegen von einem zivilen Frachter. Bei der Explosion starb nach iranischen Angaben ein Seemann, ein weiterer wurde verletzt. Der iranische Außenminister Abbas Araghtschi drohte zunächst mit einer Reaktion, in einem späteren Gespräch versicherte der ukrainische Außenminister jedoch, man wolle eine Eskalation vermeiden.