In der Ukraine steht ein kriminelles Netzwerk im Verdacht, Callcenterbetrug, Drogenhandel, Falschgeldproduktion und Zigarettenherstellung miteinander verbunden zu haben. Nach den vorliegenden Informationen sollen Angehörige staatlicher Organe durch Schmiergelder Teil des Systems gewesen sein, um die Aktivitäten zu decken. Die Ermittlungen laufen, die Reichweite des Falls in den staatlichen Stellen ist bislang unklar.
Zu den Vorwürfen gehören Schmiergelder an Polizisten, Staatsanwälte und Mitarbeiter des Geheimdienstes. Darüber hinaus werden dem Netzwerk Angriffe, Entführungen und schwere Körperverletzungen zur Last gelegt. Veröffentlichten Mitschnitten zufolge sollen die Beteiligten zudem ukrainische Journalisten eingeschüchtert haben. Ein veröffentlichtes Video zeigt nach Angaben der Berichterstattung die Herstellung gefälschter 200-Euro-Banknoten. Der Umfang der mutmaßlichen Falschgeldproduktion sowie die genaue Zahl der Beteiligten lassen sich aus den vorliegenden Angaben nicht abschließend bestimmen.
Die Ermittlungen führen das Nationale Antikorruptionsbüro NABU gemeinsam mit der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SAP. Der Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Poklad, hat nach Berichten zwei ungenannte Spitzenmitarbeiter entlassen. Gegen einen SBU-Mitarbeiter wird der Vorwurf erhoben, er habe Ermittler bei einer Hausdurchsuchung mit einer Waffe bedroht. Auch Generalstaatsanwalt Krawtschenko ist im Zusammenhang mit dem Fall zurückgetreten und nach Österreich geflohen. Ob und in welchem Umfang weitere Funktionsträger betroffen sind, ist offen.
Nach Medienberichten existieren in der Ukraine mehr als 2.000 illegale Callcenter. Schätzungen zufolge arbeiten dort über 60.000 Beschäftigte, der monatliche Umsatz soll bis zu 900 Millionen Euro betragen. Die Opfer befinden sich vor allem in Russland und der Ukraine, zunehmend aber auch in EU-Staaten wie Deutschland. Die Betrugsmasche richtet sich dabei häufig gegen Menschen, die telefonisch zu vermeintlichen Geldanlagen oder Zahlungen gedrängt werden.
Die ukrainischen Gesetze gegen Betrugsanrufe wurden seit September verschärft. Der Fall zeigt nach Einschätzung der Berichterstattung, wie eng kriminelle Strukturen und staatliche Stellen miteinander verflochten sein können, sofern Schmiergelder fließen. Die Verfahren gegen die Verdächtigen und die Frage, wie weit die Verstrickungen in den Behörden reichen, dürften die kommenden Wochen bestimmen.