Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat die jüngsten russischen Angriffe auf Bahnstrecken in der Ukraine als Ausdruck der «Verzweiflung» von Präsident Wladimir Putin bezeichnet. Russland gerate in der Ukraine «zunehmend in Schwierigkeiten» und schlage «mit rücksichtslosen und gefährlichen Angriffen um sich», sagte Rutte am Montag vor Journalisten in Brüssel. Der Angriff auf einen Passagierzug zeige, «wie verzweifelt Putin inzwischen ist».
Nach ukrainischen Angaben hatte Russland am Sonntag mehrere Bahnstrecken attackiert. Unweit der Grenze zu Polen traf eine Drohne einen Passagierzug nach Warschau. Wie die ukrainische Bahngesellschaft Ukrsalisnyzja mitteilte, hatte kurz zuvor ein Sonderzug die Strecke passiert, in dem sich Sicherheitsberater aus mehreren EU-Staaten sowie ehemalige europäische Staats- und Regierungschefs befanden, darunter der britische Ex-Premierminister Boris Johnson. Rutte warf Putin vor, mit solchen Angriffen «Angst und Schrecken zu verbreiten». Moskau werde damit jedoch nicht erreichen, dass die Unterstützung der Nato-Länder für die Ukraine nachlasse. «Die Unterstützung ist da», betonte Rutte. «Sie wächst nur noch weiter.»
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rief zu anhaltender Unterstützung der Ukraine auf. «Höchstwahrscheinlich liegen die entscheidenden Momente, vielleicht Wochen oder Monate vor uns, in denen es darum geht, die Freiheit und den Frieden unseres Kontinents zu verteidigen», sagte Merz am Montag beim EU-Arktis-Gipfel im finnischen Rovaniemi. Er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um die Unterstützung aufrechtzuerhalten und die Menschen davon zu überzeugen, dass dies im eigenen Interesse liege.
Finnland tritt unterdessen der von Frankreich angeführten Initiative zur nuklearen Abschreckung («Forward Nuclear Deterrence Initiative») bei. Das teilte das Präsidialamt in Paris mit. Frankreich hatte seinen europäischen Verbündeten im März eine engere Kooperation angeboten, um die Glaubwürdigkeit des eigenen Atomwaffenarsenals zu stärken. Das Vorhaben sieht gemeinsame Übungen, die Option einer kurzfristigen Verlegung atomwaffenfähiger Systeme auf das Gebiet von Verbündeten sowie engere Konsultationen vor. Einen formellen nuklearen Schutzschirm nach US-Vorbild bietet es jedoch nicht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Sanktionen gegen seine ehemalige Pressesprecherin Julia Mendel verhängt. Das geht aus einer Mitteilung des Präsidialamts von Sonntagabend hervor. Mendel wird vorgeworfen, russische Propaganda zu verbreiten und «Russlands aggressive Politik gegen die Ukraine» zu unterstützen. Zudem verhängte Selenskyj Strafmaßnahmen gegen 20 Schiffe der russischen Schattenflotte sowie gegen russische Staatsbürger und Unternehmen, die für die russische Rüstungsindustrie arbeiten. Als möglichen Hintergrund für die Sanktionen gegen Mendel nennt die ukrainische Zeitung «Ukrainska Prawda», dass Mendel in einem Interview mit dem US-Moderator Tucker Carlson den ukrainischen Präsidenten der Geldwäsche und des Drogenkonsums beschuldigt habe. Zudem hatte sie behauptet, Selenskyjs ehemaliger Bürochef Andrij Jermak sei ein «Magier». Mendel war vom 3. Juni 2019 bis 9. Juli 2021 Pressesprecherin Selenskyjs. Um welche Art von Strafmaßnahmen es sich handelt, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Selenskyj wolle sich mit seinen Partnern darüber abstimmen.
Vor dem EU-Arktis-Gipfel in Rovaniemi warnte der finnische Botschafter in Deutschland, Kai Sauer, vor wachsendem Interesse Chinas und Russlands an der Region. «Es besteht wirtschaftliches Interesse, es besteht Interesse an den seltenen Mineralien und auch an den sich öffnenden Seewegen», sagte Sauer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. «Das merkt man in Grönland und auch in unserem Umfeld.» Angesichts des jüngsten Besuchs von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Grönland und des von ihr angekündigten Investitionspakets für die Insel in Höhe von 200 Millionen Euro sagte Sauer: «Wir hoffen, dass sich das europäische Interesse nicht nur auf Grönland begrenzt, sondern die gesamte Arktis umfasst.» Finnland sei ein starker Player in der Arktis und müsse sich nicht verstecken. Das Land plane 80 Prozent aller Eisbrecher weltweit, 60 Prozent dieser Schiffe würden in Finnland hergestellt.
Unterdessen berichtet die «Financial Times» unter Berufung auf Insider, Kanada verhandle über die Unterstützung eines Darlehens der Europäischen Union in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Ukraine. Ottawa und Brüssel hofften, sich noch vor einem EU-Gipfel in Montreal Ende Oktober auf den Beitrag Kanadas zu einigen. Zuvor hatte das «Wall Street Journal» berichtet, Kanada strebe angesichts verschlechterter Beziehungen zu den USA eine engere Anbindung an die EU an. Ministerpräsident Mark Carney prüfe dazu die Möglichkeit einer «assoziierten» Mitgliedschaft.