Die Türkei will nach Angaben des Energieministeriums Diesel aus dem Geschäft zwischen den USA und Russland beziehen. Ankara reagiert damit auf die jüngste Lockerung der amerikanischen Sanktionen gegen den Kreml, die in der Ukraine und in mehreren europäischen Hauptstädten auf scharfe Kritik stößt. Während Kiew und die EU-Staaten vor einer Aufweichung der Strafmaßnahmen warnen, sieht die türkische Regierung offenbar vor allem wirtschaftliche Chancen.
Der türkische Energieminister bestätigte entsprechende Planungen für Dieselimporte. Das Land ist stark von Energieeinfuhren abhängig und sucht seit Jahren nach günstigeren Bezugsquellen, um die hohe Inflation und die Belastungen für die heimische Wirtschaft abzufedern. Sollte sich der Zugang zu russischen Kraftstoffen über den amerikanisch-russischen Deal tatsächlich eröffnen, könnte Ankara seine Versorgungssicherheit erhöhen und gleichzeitig von niedrigeren Einkaufspreisen profitieren.
Der Diesel-Deal zwischen Washington und Moskau ist politisch hoch umstritten. Die ukrainische Führung wirft der US-Regierung vor, mit der Lockerung der Sanktionen dem Kreml neue Einnahmen zu verschaffen und damit indirekt den russischen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Auch in Europa mehren sich Stimmen, die eine gemeinsame Linie gegenüber Moskau anmahnen. Die Türkei hingegen verfolgt seit Beginn des Krieges einen eigenständigen Kurs und hat ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland trotz westlicher Sanktionen weitgehend aufrechterhalten.
Für Ankara steht dabei die Versorgung des eigenen Marktes im Vordergrund. Die Türkei importiert einen erheblichen Teil ihres Erdöls und ihrer raffinierten Produkte aus Russland und dem Nahen Osten. Ein zusätzlicher Zugang zu Diesel über den amerikanisch-russischen Handel könnte die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten verringern und Preisschwankungen abmildern. Ob und in welchem Umfang die geplanten Importe tatsächlich zustande kommen, ist allerdings noch offen. Das Energieministerium machte bislang keine Angaben zu Mengen, Zeitplan oder beteiligten Unternehmen.
Die Ankündigung aus Ankara dürfte die Debatte über den Umgang mit Russland weiter anheizen. Während die USA und die Türkei offenbar auf pragmatische Lösungen setzen, dringen die Ukraine und mehrere EU-Staaten auf eine geschlossene Haltung gegenüber Moskau. Für die türkische Regierung wiegt das wirtschaftliche Interesse schwer: Das Land kämpft mit einer anhaltend hohen Teuerung und einem schwachen Außenhandel. Energiepreise sind dabei ein zentraler Faktor für die Stabilität der heimischen Wirtschaft und die Kaufkraft der Bevölkerung.
Beobachter in Ankara verweisen darauf, dass die Türkei ihre geopolitische Lage zwischen Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien seit Jahren für eine eigenständige Energiepolitik nutzt. Der geplante Dieselimport aus dem amerikanisch-russischen Geschäft fügt sich in diese Strategie ein. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zu den westlichen Partnern angespannt, da Ankara immer wieder eigene Wege geht. Wie die EU und die USA auf die türkischen Pläne reagieren, ist noch nicht absehbar.