Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew am Donnerstag über viele Stunden hinweg mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen angegriffen. Nach Angaben des «Kyiv Independent» waren vom frühen Morgen bis in den Abend Explosionen und Flugabwehrfeuer zu hören. Mindestens vier Menschen wurden verletzt, Trümmer beschädigten unter anderem zwei Schulen, eine Sportanlage und ein Wohnhaus.
Bei den Angriffen setzte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe auch strahlgetriebene Drohnen auf Basis des iranischen Shahed-Modells ein. Diese sind deutlich schneller als herkömmliche Drohnen und stellen die ukrainische Flugabwehr vor große Probleme. Landesweit wurden nach Militärangaben sieben ballistische Raketen, ein Onyx-Flugkörper, drei Marschflugkörper sowie 222 Drohnen abgefangen. Auch aus Odessa und Saporischschja wurden Explosionen gemeldet.
Der ukrainische Auslandsgeheimdienst SZRU teilte unterdessen mit, Beweise dafür erhalten zu haben, dass Russland gezielt Bürger Indonesiens für den Krieg gegen die Ukraine anwirbt. Dem Dienst lägen Dokumente zu mindestens acht indonesischen Staatsbürgern vor, die rekrutiert worden seien, hieß es über den Telegram-Kanal des SZRU, wie die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform berichtet. Russland gehe dabei nach einem bereits erprobten Muster vor: Ausländern würden eine hohe Bezahlung, angeblich ungefährliche Tätigkeiten abseits der Kampfhandlungen, eine beschleunigte russische Staatsbürgerschaft sowie diverse soziale Vergünstigungen in Aussicht gestellt.
Auf der von Russland kontrollierten Halbinsel Krim haben Drohnen nach Angaben der von Moskau eingesetzten Behörden in Sewastopol Öldepots sowie ein fünfstöckiges Wohnhaus getroffen. Dies meldeten russische Nachrichtenagenturen.
Angesichts der zunehmenden russischen Angriffe auf Cherson haben die Behörden die Einwohner der südukrainischen Stadt zur Evakuierung aufgerufen. «Ich wende mich erneut an die Einwohner von Cherson, insbesondere an Familien mit Kindern und ältere Menschen: Wenn Sie die Möglichkeit haben (...), bitte verlassen Sie die Stadt», schrieb der Gouverneur der Region Cherson, Oleksandr Prokudin, am Donnerstag im Onlinedienst Telegram. Wegen der russischen Angriffe bestehe die Gefahr, dass die Strom- und Wärmeversorgung in der Stadt für längere Zeit ausfallen könnte. Prokudin sprach von einer «äußerst schwierigen Sicherheitslage». Russland intensiviere «täglich seine Angriffe auf die kritische Infrastruktur in der Region». In der Nacht zum Donnerstag habe die russische Armee «erneut das Fernwärmekraftwerk von Cherson mit Gleitbomben angegriffen», die Anlage sei stark beschädigt worden. «Cherson könnte ohne Strom und Heizung dastehen, und zwar nicht nur für einige Stunden oder Tage, sondern für einen langen Zeitraum», warnte der Gouverneur.
US-Präsident Donald Trump hat Medienberichte über mögliche russische Angriffspläne auf Nato-Territorium zurückgewiesen. Er habe gute Gespräche mit Kremlchef Wladimir Putin geführt, sagte Trump am Donnerstag vor Journalisten im Weißen Haus. «Er wird kein Nato-Gebiet angreifen.» Hintergrund der Äußerungen ist eine Reise von CIA-Chef John Ratcliffe nach Moskau am Dienstag, bei der er die russische Führung US-Medienberichten zufolge vor Angriffen auf Nato-Staaten gewarnt haben soll. Demnach hätten Einschätzungen des US-Geheimdienstes darauf hingedeutet, dass Moskau versuchen könnte, das Verteidigungsbündnis auf die Probe zu stellen. Der Kreml tat dies als «realitätsfern» ab. Auf die Berichte angesprochen, sagte Trump, er wolle sich dazu «nicht äußern». «Aber sie werden nicht angreifen», fügte er hinzu.
Bei der Explosion eines Autos in Sankt Petersburg ist einem Medienbericht zufolge ein russischer Offizier getötet worden. Bei dem Todesopfer handele es sich um einen Oberstleutnant, berichtete die russische Online-Zeitung «Fontanka». Seine Ehefrau, die sich ebenfalls in dem Fahrzeug befunden habe, sei verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Das russische Ermittlungskomitee teilte mit, es habe nach dem Brand eines Autos ein Strafverfahren eingeleitet. Die Behörde bestätigte den Tod einer Person und die Verletzung einer weiteren, machte jedoch keine Angaben dazu, ob es sich bei dem Todesopfer um einen Soldaten handelte. Eine Stellungnahme der Ukraine lag zunächst nicht vor. Russland macht die Ukraine für eine Reihe von Anschlägen auf hochrangige Militärs und Personen verantwortlich, die mit dem russischen Angriffskrieg gegen das Nachbarland in Verbindung stehen. Ukrainische Stellen haben sich in einigen Fällen dazu bekannt, in anderen eine Beteiligung bestritten.