Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag treten 17 Parteien an, und erstmals dürfen alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben. Rund 2,5 Millionen Wahlberechtigte entscheiden darüber, wie sich das Landesparlament zusammensetzt und ob mit Elif Eralp erstmals eine Politikerin der Linken das Amt der Regierenden Bürgermeisterin übernimmt. Die Abstimmung gilt auch bundesweit als richtungsweisend, da sie zeitgleich mit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet.
In jedem der 78 Wahlkreise wird ein Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus gewählt. Die Zweitstimmen bestimmen die Sitzverteilung. Regulär umfasst das Parlament 130 Sitze, aktuell sind es durch Überhang- und Ausgleichsmandate 159. Zusätzlich entscheiden die Wählerinnen und Wähler über die Zusammensetzung der Bezirksverordnetenversammlungen in den zwölf Bezirken. Auf Bezirksebene dürfen auch EU-Bürger abstimmen. Die 16- und 17-Jährigen machen etwa zwei Prozent der Wahlberechtigten aus. Nur Parteien, die mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen erreichen, ziehen ins Parlament ein – eine Hürde, die der Zersplitterung vorbeugen und die Arbeitsfähigkeit sichern soll. Die Zahl der antretenden Parteien ist deutlich gesunken: Waren es bei der Wiederholungswahl 2023 noch 33, bewerben sich diesmal nur 17 Parteien mit eigenen Listen.
Seit 2023 regiert eine Koalition aus CDU und SPD, Regierender Bürgermeister ist Kai Wegner. Er tritt jedoch nicht erneut an: Nach wiederholten Enthüllungen über falsche Angaben zu seinem Krisenmanagement während eines großen Stromausfalls im Januar zog er sich im Juli als Spitzenkandidat zurück. Kurzfristig übernahm Finanzsenator Stefan Evers, der vor drei Jahren Wegners erfolgreichen Wahlkampf organisiert hatte. Seine laut Umfragen schärfste Konkurrentin ist die Linke Elif Eralp. Die 45-jährige Juristin und zweifache Mutter war bis zum Wahlkampf Vize-Fraktionschefin und damit eher in der zweiten Reihe. Sie wirbt damit, die «Miet-Abzocke» zu stoppen und Berlin «wieder bezahlbar» zu machen, sieht sich aber auch mit Vorwürfen auseinandersetzen, dass es in ihrer Partei viele offen antisemitisch eingestellte Palästina-Aktivisten gebe.
Die SPD geht mit Steffen Krach ins Rennen, nachdem die bundesweit bekannte frühere Regierungschefin Franziska Giffey etwas ins politische Abseits gerückt wurde. Krach sieht sich mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover konfrontiert, die seine frühere Tätigkeit als Regionspräsident betreffen. Es geht um den Anfangsverdacht der Vorteilsannahme; Krach weist alle Vorwürfe zurück.
Die Umfragen deuten auf ein knappes Rennen hin. Linke (20 bis 23 Prozent) und CDU (20 bis 21 Prozent) liegen dicht beieinander, wobei die Linke zumeist knapp vorn liegt. Dahinter folgen die AfD (17 bis 18 Prozent) und die Grünen (15 bis 16 Prozent). Die SPD kann demnach mit 10 bis 12 Prozent nur auf Platz fünf hoffen. FDP und BSW sehen die Umfragen mit einer Ausnahme nicht im Parlament. Keine Zweier-Koalition käme auf eine Mehrheit, auch nicht das regierende Bündnis aus CDU und SPD. Als wahrscheinliche Optionen gelten Dreier-Koalitionen: entweder CDU, Grüne und SPD oder Linke, Grüne und SPD. Die AfD dürfte bei der Regierungsbildung außen vor bleiben, da die übrigen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ablehnen.
Im Wahlkampf standen fast überall der Wohnungsmangel und überhöhte Mieten im Mittelpunkt. Die Linke fordert ein öffentliches Bauprogramm, eine Behörde gegen illegale Mieten und die Enteignung großer Immobilienkonzerne. SPD-Mann Krach will eine «Mietenpolizei» losschicken, um Mietwucher zu ahnden. Die CDU setzt auf mehr und schnelleren Wohnungsbau sowie einen starken Mieterschutz. Die AfD will, dass Einheimische mit langjährigem Lebensmittelpunkt in Berlin vorrangig geförderten Wohnraum erhalten. Ein weiteres Thema war die Verwahrlosung und Vermüllung des öffentlichen Raums. SPD und Linke wollen eine kostenlose Sperrmüllabholung einführen, damit weniger Sofas, Matratzen und Kühlschränke auf den Gehwegen stehen. Gestritten wurde auch über mehr Tempo-30-Straßen, zusätzliche Radwege sowie die Sicherheit auf den Straßen und im Nahverkehr. Die AfD fokussierte sich zudem auf Migration und forderte einen sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin.
Für den Wahlablauf sind etwa 2.542 Urnenwahllokale geplant, ein Zehntel mehr als bei der Wiederholungswahl 2023. Sie haben von 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Hinzu kommen 1.572 Briefwahllokale. Bis zu 40.000 Wahlhelfer sollen für einen reibungslosen Ablauf sorgen und erhalten dafür bis zu 120 Euro «Erfrischungsgeld». Laut Wahlordnung hat jedermann Zutritt zu den Wahllokalen.