Die Malaysisch-britische Sängerin Chloe Qisha meldet sich mit ihrem Debüt-Mixtape „Fantasize“ zurück. Die Platte ist frech, theatralisch und vor allem eines: außergewöhnlich eingängig. Sie zeigt eine Künstlerin, die ihren Pop-Ehrgeiz konsequent weiterverfolgt, dabei aber nicht immer die emotionale Tiefe erreicht, die ihre früheren Arbeiten auszeichnete.
Als Qisha im vergangenen Jahr auf dem Cover von NME zu sehen war, stand sie kurz vor der Veröffentlichung ihrer zweiten EP „Modern Romance“. Diese hatte ihren Ehrgeiz, ihren Wortwitz und ihren geschliffenen Popsound bereits deutlich gemacht. Seitdem hat sie unter anderem Coldplay, Sabrina Carpenter und RAYE auf Tour begleitet und stand auf der Longlist der BBC Sound Of 2026. „Fantasize“ erweitert nun ihre musikalische Welt und schärft zugleich ihr Songwriting für freche, theatralische Popstücke.
Musikalisch bleibt Qisha ihrer Mischung aus ABBA-artigem Melodram und dem Pop von Sabrina Carpenter treu, wagt sich aber auch in neue Gefilde. Der ermächtigende Song „Cry About It“ verbindet pumpende Synthpop-Beats mit chantartigen Refrains, die an Chappell Roan erinnern. In „Baby Girl“ bewundert Qisha schöne Frauen über einem glänzenden Disco-Funk-Groove. Nicht alle Experimente gelingen gleich gut: „Possessed (but in a hot way)“ beginnt mit einem düsteren, gotisch angehauchten Bass, der an Depeche Mode erinnert, verliert aber seinen campy Schwung durch ein pathetisch aufsteigendes Klavier-Arpeggio, das zu ernst wirkt.
Thematisch unterscheidet sich das Mixtape deutlich von Qishas früheren Songs. Dort ging es um Verlust in „VCR Home Video“, Unsicherheit in „21st Century Cool Girl“ und existenzielle Angst. „Fantasize“ dagegen ist eine offensive Anzüglichkeits-Party. Qisha genießt sichtlich die Doppeldeutigkeiten. In „Question Of The Day“ heißt es: „We’re just so in tune / When you play my G-string / Ain’t talking ’bout my guitar, ah“. In „YDH“ träumt sie von einer zufälligen Begegnung und singt davon, dass sie „ihre Perlen umklammert“, wenn sie an seine … Persönlichkeit denkt.
Am stärksten wirkt Qisha, wenn sie respektlos und frech auftritt. Ihre Fantasie kippt jedoch in Enttäuschung, als sie erfährt, dass ihr Schwarm schwul ist. Im schillernden, ABBA-inspirierten „He Likes Boys“ macht Qisha ihr Gegenüber nie zur Zielscheibe des Witzes. Stattdessen geht es um ihre Verzweiflung, die Beziehung zu retten: „I would be waiting forever, if I thought I could change your mind…“. Genau hier hätte das Mixtape die Verletzlichkeit der Sängerin stärker betonen können, um die prahlerische erste Hälfte auszugleichen. Diese Chance lässt es jedoch ungenutzt.
Auch „Surprise Surprise“ enthält gelungene Pointen und eine starke Bridge-Melodie, verbringt aber zu viel Zeit damit, den Ex-Partner abzuwerten, statt mehr über Qisha als Person zu verraten. „So Sad So Hot“ bewegt sich ähnlich wie der Song „Sexy Goodbye“ von 2024, fehlt ihm aber die Detailtiefe und die Figuren, die jenen Titel so einprägsam machten. Der abschließende Titelsong „Fantasize“ bietet dagegen einen der eingängigsten Refrains des Mixtapes sowie eine interessante Textzeile: „I’m sorry for Chloe, it’s all my fault / I tried to be edgy and it didn’t pay off“. Man wünscht sich, Qisha hätte an dieser Stelle mehr von ihrer Seele offenbart.
Insgesamt erfährt man über Qisha auf diesem Album weniger als auf ihren früheren EPs. Dennoch zeigt „Fantasize“, dass die Sängerin Popsongs schreiben und eine Fantasie über ein ganzes Album hinweg tragen kann. Das Mixtape erscheint bei Colombia Records; das Veröffentlichungsdatum wird im Quelltext mit dem 30. Oktober 2026 angegeben.