Der überraschende Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau war nach Einschätzung eines früheren Sicherheitsberaters der Biden-Regierung in erster Linie eine Warnung an Russland. Tom Wright, der bis zum Ende der vorherigen US-Administration als Direktor für strategische Planung im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses arbeitete, sieht in der Reise zugleich den Versuch, einen direkten Kommunikationskanal zur russischen Führung zu öffnen. Gegenüber dem Nachrichtenportal t-online betonte der heutige Senior Fellow der Denkfabrik Brookings Institution, dass solche Treffen äußerst ungewöhnlich seien.
Wright zufolge gibt es mehrere plausible Erklärungen für den Besuch, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Eine zentrale These lautet, dass Ratcliffe Russland davor warnen wollte, ein Nato-Land anzugreifen, insbesondere die baltischen Staaten. Denkbar wäre aus Sicht des Experten etwa ein begrenzter Einmarsch, mit dem Russland versuchen könnte, den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags als hohl zu entlarven. Zeitgleich zu dem Moskau-Besuch führte die Nato Militärübungen an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad durch, darunter eine britische Luftoperation, die länger dauerte als erwartet.
Zudem verwies Wright auf einen Bericht des „Wall Street Journal“, wonach US-Geheimdienste besorgt waren, Russland könnte die baltischen Staaten angreifen oder dort einen empfindlichen Vorstoß unternehmen. Eine weitere mögliche Absicht Ratcliffes sei gewesen, der russischen Seite die amerikanische Einschätzung zum Krieg gegen die Ukraine zu vermitteln – und wie schlecht dieser aus russischer Sicht tatsächlich verlaufe. Dahinter stehe die Annahme, dass Präsident Wladimir Putin möglicherweise keine zutreffenden Informationen über die Lage an der Front erhalte. Die Hoffnung wäre, die russische Führung zum Nachdenken über ein Kriegsende zu bewegen.
Wright räumte ein, dass unklar sei, ob Putin auf die Darstellung der CIA hören würde. Sein Eindruck sei jedoch, dass der russische Präsident sehr wohl wisse, wie schwierig der Krieg laufe, aber eine extrem hohe Schmerzgrenze habe und entschlossen sei, den Kurs fortzusetzen. Auch die These, die US-Regierung habe Russland von der eigenen Handlungsfähigkeit trotz des Iran-Kriegs überzeugen wollen, hält der Experte für nachvollziehbar. Letztlich sieht Wright alle genannten Erklärungen als Teil eines Gesamtbildes: Ratcliffe habe für Präsident Donald Trump einen Berührungspunkt für Verhandlungen schaffen und gleichzeitig klarmachen wollen, dass ein Angriff auf ein Nato-Land nicht in Frage komme.
Für die Sicherheitslage in Europa erwartet Wright keine grundlegende Veränderung durch den Besuch. Putin sei gegenüber der Nato relativ vorsichtig und werde im Baltikum nichts Großes unternehmen, solange er keine echte Gelegenheit dafür sehe. Die klare Botschaft der USA sei daher eine gute Sache. Zugleich warnte der frühere Sicherheitsberater vor Euphorie: Putin habe nach seiner Überzeugung kein echtes Interesse an einem Ende des Krieges, solange er glaube, seine Ziele doch noch erreichen zu können. Die europäischen Staaten müssten sich daher weiterhin auf eine lange Phase der Konfrontation einstellen.