Deutschland will der Ukraine kurzfristig weitere Abfangraketen für das Patriot-System liefern. Verteidigungsminister Boris Pistorius kündigte am 8. September an, PAC-2-Raketen aus Beständen der Bundeswehr abzugeben. Zugleich sollen die Lieferungen von AIM-9-Raketen ausgeweitet und die Unterstützung mit IRIS-T fortgesetzt werden.
Für die Ukraine ist vor allem der Zeitpunkt entscheidend. Russische Angriffe kombinieren inzwischen regelmäßig Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen. In der Nacht zum 8. September meldeten die ukrainischen Luftstreitkräfte allein 166 Drohnen, 32 Kh-101-Marschflugkörper sowie Oniks- und ballistische Raketen. Solche gemischten Angriffswellen zwingen die Luftverteidigung dazu, unterschiedliche Ziele gleichzeitig zu erkennen und passende Abfangmittel einzusetzen.
Pistorius stellte die deutsche Zusage deshalb in einen breiteren europäischen Rahmen. Nach Angaben von Euronews sollen neben den kurzfristig verfügbaren PAC-2 auch zusätzliche AIM-9 geliefert werden. Die Ukraine soll außerdem mehrere Tausend weitere IRIS-T-Raketen bestellen können; die Finanzierung soll über europäische Instrumente zur Unterstützung der ukrainischen Verteidigung laufen.
Auch andere europäische Staaten prüfen zusätzliche Kapazitäten. Nach Angaben der „Ukrainska Pravda“, die sich auf französische und ukrainische Quellen beruft, beraten Staaten mit Patriot-Systemen über mögliche Transfers. Frankreich und Italien bereiten demnach weitere Unterstützung mit SAMP/T und Aster-Abfangraketen vor. Öffentliche, verbindliche Liefertermine wurden dafür bislang nicht genannt.
Auf EU-Ebene wurde zugleich eine regulatorische Hürde ausgeräumt. Die Europäische Kommission teilte mit, dass die Mitgliedstaaten einer Ausnahmeregelung zugestimmt haben, mit der die Ukraine bestimmte für Patriot benötigte Produkte erwerben kann. Die nächste Auszahlung von 3,2 Milliarden Euro aus dem europäischen Unterstützungsrahmen soll nach Angaben der Kommission auch der Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung dienen.
Für Deutschland ist die Entscheidung eine Abwägung zwischen zwei Sicherheitsinteressen. Einerseits muss die Bundeswehr eigene Bestände und die Luftverteidigung der NATO absichern. Andererseits sollen ukrainische Städte, Energieanlagen und militärische Infrastruktur vor einer erwarteten intensiven russischen Winterkampagne geschützt werden. Die Abgabe aus vorhandenen Beständen verschafft Kiew schneller Munition, als dies allein durch neue Produktion möglich wäre, belastet aber zugleich die Reserven der Geberstaaten.
Technisch ergänzen sich die Systeme, ersetzen einander aber nicht vollständig. Patriot ist besonders wichtig gegen bestimmte anspruchsvolle Luftziele und ballistische Bedrohungen. IRIS-T deckt andere Reichweiten und Zielprofile ab, während SAMP/T eine weitere europäische Komponente für die bodengebundene Luftverteidigung darstellt. Entscheidend ist daher weniger die Zahl eines einzelnen Systems als ein gestaffeltes Netz mit genügend Radar-, Feuerleit- und Munitionskapazität.
Nach den neuen Zusagen richtet sich der Blick nun auf die tatsächliche Liefergeschwindigkeit. Für die Ukraine zählt nicht nur, was bestellt oder politisch zugesagt ist, sondern was vor den Wintermonaten in den Batterien verfügbar ist. In Berlin und anderen europäischen Hauptstädten wird damit die Frage der Luftverteidigung in den kommenden Wochen zu einer Frage von Beständen, Produktion und Logistik.