Die deutsche Wahrnehmung Russlands steht in einem auffälligen Widerspruch zur Realität. Obwohl das Regime von Wladimir Putin spätestens seit der Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 als aggressiv und autoritär gilt, blicken erstaunlich viele Menschen in Deutschland weiterhin positiv auf das Land. Die Politologin und Osteuropa-Expertin Gwendolyn Sasse hat dieses Phänomen untersucht und warnt vor den Konsequenzen.
In ihrem Buch «Russland. Eine deutsche Erfindung» analysiert Sasse, warum sich hartnäckige Fehlvorstellungen halten. Der provokante Titel sei bewusst gewählt, erklärt sie: Wenn Deutsche über Russland sprächen, sprächen sie in erster Linie über sich selbst. Die verschiedenen Projektionen und Konstruktionen, die hierzulande existierten, seien nicht nur aufschlussreich, sondern stellten eine real existierende Gefahr dar. Russland biete sich dadurch Angriffsflächen, etwa bei Desinformation und der Unterstützung populistischer und radikaler Parteien von rechts und links. «Unsere Demokratie ist direkt betroffen», betont die Forscherin.
Die Bilanz sei ernüchternd, so Sasse. Selbst der Krieg in seiner ungeheuren Dimension habe den deutschen Blick auf Russland nur in Ansätzen verändert. Es gebe Scheuklappen gegenüber Russland und Putin, die entweder bestehen blieben oder nur graduell angepasst würden. Die Vollinvasion vom 24. Februar 2022 sei ein sicherheitspolitischer Paukenschlag gewesen, der aber nicht die gesamte deutsche Bevölkerung erreicht habe. Ein solches Ereignis könne, müsse aber nicht zu einer kritischen Selbstreflexion über falsche Annahmen und folgenreiche Fehlentscheidungen führen – weder in der Politik noch in der Gesellschaft.
Für ihre Untersuchung hat Sasse den Blick «von unten» gewählt, aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Als Quellen dienten ihr deutschlandweite, repräsentative Umfragen sowie Interviews und Fokusgruppen. Ziel sei gewesen, den Menschen genau zuzuhören und auch Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten. Dabei identifizierte sie drei Denkräume: «Russland als Faszination/Alternative», «Russland als Partner/Freund» und «Russland als Risiko/Feind». Dieses Konzept erlaube es, langfristige Linien im deutschen Denken über Russland ebenso zu berücksichtigen wie Veränderungen zwischen diesen Räumen.
Eine Überraschung erlebte Sasse bei der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Russlandbild und Parteiaffinität. Es sei schwer gewesen, von den Aussagen der Befragten auf ihre politische Präferenz zu schließen – mit einer Ausnahme: der AfD. Dort seien die Aussagen meist sehr klar. Russland werde als Partner beschrieben, als «natürlich» und «authentisch», dort würden «Werte» noch zählen, im Gegensatz zum hiesigen System. Dieser Denkraum sei eindeutig zuzuordnen und triefe vor Klischees.
Bei der Vorstellung Russlands als «Alternative» spiele der Faktor Faszination eine bedeutende Rolle, erläutert die Politologin. Die «russische Seele», die «russische Weite», das angeblich «Natürliche» dienten als Gegenmodell zur westlichen Zivilisation. Dieses Gegenmodell werde seit Jahrhunderten aufgebaut. Die Geschichte sei überhaupt sehr wichtig, um die deutschen Russlandprojektionen zu verstehen. Dabei müsse man gar nicht weit zurückgehen. Das Bild von Michail Gorbatschow wirke bis heute stark nach. Als Sasse ihr Projekt 2019 begann, habe sie das Stichwort Gorbatschow in einer Fokusgruppe nicht einmal einbringen müssen – es sei schnell von selbst gefallen, bei der Frage nach Russlandassoziationen. Den Teilnehmenden sei es um eine immer wieder als «Öffnung» beschriebene Veränderung gegangen, um die Wiedervereinigung und das Ende von Berliner Mauer und Eisernem Vorhang.
Die Analyse dieser Projektionen ist nach Einschätzung der Autorin dringender denn je. Die Erforschung Russlands als deutsche Erfindung sei notwendig, weil die verbreiteten Vorstellungen nicht nur ein historisches oder kulturelles Phänomen seien, sondern konkrete politische Folgen hätten. Sie böten ausländischen Akteuren Ansatzpunkte, um die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen und demokratische Strukturen zu schwächen. Sasse plädiert damit für eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern – nicht nur über Russland, sondern über die eigene Gesellschaft.