Nach den schweren Krawallen in mehreren italienischen Städten will die Regierung in Rom mit harten Maßnahmen eine Wiederholung verhindern. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief ihr Kabinett zu einer mehrstündigen Krisensitzung zusammen. Anschließend verlautete aus Regierungskreisen, der Staat werde auf die Unruhen der vergangenen Tage «entschlossen reagieren». Dazu gehörten auch mögliche Ausgangssperren.
Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete unter Berufung auf Quellen in Melonis Umgebung, derzeit würden «technische Lösungen zur Durchsetzung einer Ausgangssperre» geprüft. Zudem werde über Maßnahmen gegen Straßenblockaden nachgedacht. Der Ministerrat solle bereits an diesem Dienstag ein entsprechendes Gesetzesdekret verabschieden, hieß es weiter.
In Mailand, aber auch in Städten wie Turin und Bologna war es in den vergangenen Tagen nach zunächst friedlichen Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Auf dem Domplatz in Mailand und in dessen Umgebung schlugen meist schwarz gekleidete und vermummte junge Menschen Schaufensterscheiben ein und plünderten Geschäfte und Supermärkte. Insgesamt gab es mehr als 270 vorübergehende Festnahmen, die sich zumeist gegen Minderjährige richteten. Fünf Jugendliche kamen in Untersuchungshaft.
Viele Beobachter zogen Vergleiche zu den Unruhen in Frankreich. Aus Sorge vor neuen Ausschreitungen schlossen mehrere Luxusgeschäfte am Montag ihre Läden in der Nähe des Domplatzes. Nach offiziellen Angaben wurden mindestens 14 Sicherheitskräfte verletzt. Die Staatsanwaltschaft Mailand sprach von einem Ausmaß «seltener Gewalt». Zur Zahl der verletzten Demonstranten gab es keine genauen Angaben. Der Schaden geht nach Schätzungen in die Millionenhöhe.
Die Regierungschefin steht auch politisch unter Druck. Meloni regiert seit vier Jahren mit einer Koalition aus drei rechten und konservativen Parteien. Im nächsten Jahr steht eine Parlamentswahl an. Ihre Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) sieht sich seit einiger Zeit durch eine neue, noch weiter rechts angesiedelte Partei namens Futuro Nazionale (Nationale Zukunft) herausgefordert. Im linken Lager will die Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei PD, Elly Schlein, gegen Meloni antreten.
Die Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf die soziale Lage in Italien. Die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten hatten friedlich begonnen, bevor sie in Gewalt umschlugen. Die Regierung steht nun vor der Aufgabe, auf die Unruhen zu reagieren, ohne die ursprünglichen Anliegen der Demonstranten aus dem Blick zu verlieren. Ob Ausgangssperren und ein schnelles Gesetzesdekret die Lage beruhigen können, ist offen. Die kommenden Tage dürften zeigen, ob sich die Ausschreitungen wiederholen oder ob die angekündigten Maßnahmen Wirkung zeigen.