Jeff Kaplan, der ehemalige Direktor des Hero-Shooters Overwatch, hat in einem Interview offen über seinen Wechsel vom AAA-Entwickler zum unabhängigen Studioleiter gesprochen. Nach fast zwei Jahrzehnten bei Blizzard verließ er das Unternehmen im Jahr 2021 und gründete sein eigenes Studio Kintsugiyama. Der Übergang sei «humbling» gewesen, also demütigend, wie Kaplan selbst sagt. Der Grund: Als Indie-Entwickler muss er sich plötzlich wieder beweisen – und stößt dabei auf unerwartete Hürden.
Kaplan war über viele Jahre das öffentliche Gesicht von Overwatch. Von der Enthüllung des Spiels im Jahr 2014 bis zum Frühjahr 2021 trat er regelmäßig bei Präsentationen, Pressekonferenzen und Entwickler-Updates auf. Diese Rolle habe er nicht aus eigenem Antrieb übernommen, betont Kaplan. Er beschreibt sich selbst als introvertiert und sagt, er habe sich nie wohl mit der Aufmerksamkeit gefühlt. «Ich bin niemand, der gerne im Rampenlicht steht», erklärt er. Die öffentliche Präsenz sei Teil seiner Arbeit gewesen, um das Spiel und sein Team zu unterstützen. Nach seinem Abschied bei Blizzard habe er bewusst die Öffentlichkeit gemieden – eine Entscheidung, die er als «wohltuend für die Seele» bezeichnet.
Doch der Rückzug hatte auch eine Kehrseite. In der Interview-Serie mit dem Podcaster Lex Fridman und im Gespräch mit GameSpot schildert Kaplan, wie sich die Dynamik in der Branche verändert hat. Kontakte, die früher seine E-Mails beantwortet hätten, ignorieren ihn heute. «Es ist demütigend», sagt er. Als Leiter eines Indie-Studios fehle ihm die Infrastruktur eines großen Publishers wie Blizzard, der mittlerweile zu Microsoft gehört. Statt auf ein eingespieltes Team und finanzielle Rücklagen zurückzugreifen, baue er Server-Netzwerke in seinem Esszimmer auf und kümmere sich um Dinge, die früher andere für ihn erledigt hätten.
Kaplan gründete Kintsugiyama mit einer klaren Überzeugung: Spieleentwickler sollen die Entscheidungen treffen, nicht das Management. Diese Haltung resultiert aus seinen Erfahrungen bei Blizzard, wo er nach eigener Aussage unter «demoralisierender Unternehmensinterferenz» litt. Sein neues Studio arbeitet an einem Debüt-Titel namens The Legend of California. Über den Inhalt des Spiels ist bislang wenig bekannt, doch Kaplan hat sich zum Ziel gesetzt, zu beweisen, dass großartige Spiele von leidenschaftlichen Entwicklern gemacht werden – nicht von Konzernen.
Die Parallelen zu anderen Branchengrößen sind nicht von der Hand zu weisen. Kaplan selbst verweist auf Dan Houser, den ehemaligen kreativen Kopf hinter Grand Theft Auto, der sich nach seinem Abschied von Rockstar ebenfalls neu erfinden musste. Houser hatte kürzlich in einem Interview erklärt, er fühle sich geehrt, für immer mit GTA verbunden zu sein, doch diese Verbindung schaffe auch Erwartungen, die schwer zu erfüllen seien, wenn man sich ohne die Rückendeckung eines großen Studios neu aufstelle. Kaplan kennt dieses Gefühl. «Man hat plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen», beschreibt er die Situation.
Dennoch wirkt Kaplan entschlossen. Die Zeit abseits des Rampenlichts habe ihm gutgetan, doch jetzt sei er bereit, sich wieder zu zeigen – nicht als Sprecher eines Milliarden-Franchise, sondern als Entwickler, der für seine eigene Vision kämpft. Ob The Legend of California diesen Anspruch einlösen kann, wird sich zeigen. Klar ist: Der Weg vom gefeierten AAA-Direktor zum unbekannten Indie-Entwickler ist steinig, und Kaplan scheut sich nicht, das offen zu sagen.