Deutschland schickt mit Everytime keinen klassischen Prestige-Stoff ins Oscar-Rennen, sondern einen Film, der Trauer, Erinnerung und Wirklichkeit bewusst ineinander schiebt. Sandra Wollners Spielfilm ist der deutsche Beitrag für die Kategorie Bester internationaler Film bei der 99. Oscar-Verleihung im März 2027.
Die Entscheidung kommt nach einem starken Festivalstart. Everytime feierte im Mai seine Weltpremiere in Cannes und gewann dort den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard. Im September folgt die Nordamerika-Premiere beim Toronto International Film Festival. Damit hat der Film schon vor dem eigentlichen Oscar-Wahlkampf drei wichtige Dinge: einen internationalen Preis, Festivalaufmerksamkeit und eine neue Plattform auf dem nordamerikanischen Markt.
Für ein jüngeres Publikum ist interessant, dass Everytime nicht nach dem üblichen Muster eines großen deutschen Historien- oder Gesellschaftsdramas funktioniert. Der Film behandelt Verlust als Zustand, in dem Erinnerung und Gegenwart durcheinandergeraten. Die deutsche Auswahljury hob gerade die filmische Form, die Kameraarbeit und die Art hervor, wie Realität und Vorstellung ineinanderfließen. Das klingt anspruchsvoll, bedeutet aber vor allem: Der Film will ein Gefühl nicht erklären, sondern sichtbar machen.
Die Oscar-Regeln machen die deutsche Situation in diesem Jahr ungewöhnlich. Neben dem offiziell ausgewählten Everytime haben sich durch geänderte Regeln bereits zwei weitere deutsche Filme für eine Einreichung in der internationalen Kategorie qualifiziert: Von Scham und Geld von Visar Morina nach einem Grand-Jury-Preis in Sundance und Gelbe Briefe von İlker Çatak nach dem Goldenen Bären der Berlinale. Everytime bleibt dennoch der von Deutschland bestimmte nationale Beitrag.
Bis zu einer tatsächlichen Nominierung ist der Weg lang. Am 15. Dezember soll die Academy die Shortlist mit 15 Titeln veröffentlichen. Die fünf Nominierten werden am 21. Januar bekannt gegeben, die Verleihung findet am 14. März 2027 statt. In den Monaten dazwischen entscheidet nicht nur die Qualität des Films, sondern auch, ob er im dichten Herbstkalender aus Festivals, Screenings, Interviews und Kritikerlisten sichtbar bleibt.
Genau deshalb ist Toronto der nächste wichtige Schritt. Cannes hat Everytime europäisches Gewicht gegeben. In Nordamerika muss der Film nun ein Publikum erreichen, das im Herbst mit Dutzenden möglichen Award-Titeln konfrontiert wird. Für Sandra Wollner ist die Ausgangslage trotzdem bemerkenswert: Ein Film über Trauer und Wahrnehmung, der sich der einfachen Dramaturgie entzieht, startet nicht als Außenseiter ohne Vorgeschichte, sondern mit einem der wichtigsten Preise aus Cannes im Gepäck.