Mit der Auswahl von Everytime hat Deutschland seine Position für die internationale Oscar-Kategorie 2027 festgelegt. Der Film von Sandra Wollner wird als offizieller deutscher Beitrag eingereicht und geht mit einem Vorteil in die Herbstsaison, den viele nationale Kandidaten erst noch suchen: Er hat bereits einen bedeutenden Festivalpreis gewonnen.
Everytime wurde im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und gewann den Hauptpreis von Un Certain Regard. Im September folgt die Nordamerika-Premiere beim Toronto International Film Festival. Für die deutsche Filmbranche ist diese Route wichtig, weil ein nationaler Oscar-Beitrag seine Wirkung nicht allein durch die Auswahl im eigenen Land entfaltet. Er muss über Monate immer wieder in internationalen Programmen auftauchen, von Kritikern wahrgenommen und von Academy-Mitgliedern tatsächlich gesehen werden.
Die unabhängige deutsche Auswahljury begründete ihre Entscheidung mit der besonderen filmischen Form. Wollners Film macht Trauer nicht zu einem Problem, das in wenigen Dialogen erklärt wird. Kamera, Rhythmus und narrative Lücken verschieben die Wahrnehmung der Figuren; Erinnerung, Gegenwart und Imagination können ineinanderlaufen. Das Ergebnis ist ein Film, der auf Atmosphäre setzt und gerade dadurch eine klare eigene Handschrift besitzt.
Die Ausgangslage ist in diesem Jahr zusätzlich kompliziert. Aufgrund neuer Academy-Regeln haben sich mit Von Scham und Geld von Visar Morina und Gelbe Briefe von İlker Çatak bereits zwei weitere deutsche Produktionen für eine Einreichung in derselben Kategorie qualifiziert. Der offizielle nationale Beitrag bleibt Everytime. Für Beobachter bedeutet das, dass deutsche Filme in der internationalen Saison an mehreren Stellen auftauchen können, ohne dass diese Wege identisch sind.
Die nächste feste Marke ist der 15. Dezember. Dann soll die Academy die Shortlist von 15 internationalen Filmen bekannt geben. Am 21. Januar 2027 folgen die fünf Nominierungen. Die Oscar-Verleihung ist für den 14. März angesetzt. Bis dahin liegt zwischen einem nationalen Auswahlentscheid und einer möglichen Nominierung ein ganzer Herbst und Winter aus Festivalreisen, Pressearbeit und Branchenvorführungen.
Für Everytime wird Toronto deshalb mehr sein als eine weitere Festivalstation. Dort beginnt der Teil der Kampagne, in dem sich zeigen muss, ob der Cannes-Erfolg außerhalb Europas genügend Neugier erzeugt. Deutschland hat seinen Film gewählt; die nächste Entscheidung fällt nicht mehr in Berlin, sondern in einem internationalen Feld, das sich in den kommenden Wochen noch deutlich verändern wird.