Die russische Dramaserie «Marik» sollte das Publikum von Wladimir Putins Kriegserzählung überzeugen. Doch bei der Premiere beim Festival «Pilot» kam es anders: 12 der 19 Jurymitglieder weigerten sich, die Serie zu bewerten, und setzten stattdessen ein Kreuz in die Bewertungsfelder. Ein großer Teil des Publikums verließ den Saal, als das Filmteam die Bühne betrat. Am Ende erreichte «Marik» mit durchschnittlich 1,07 von 5 möglichen Punkten das schlechteste Ergebnis aller 21 Premieren des Festivals.
Die Serie erzählt von Mark Aksjonow, einem Militärarzt, der für Putin in den Krieg gegen die Ukraine zieht. Nach zwei Jahren an der Front und zwei Jahren in Kriegsgefangenschaft kehrt er nach Donezk zurück. Seine Eltern sind gestorben, seine Frau hat seinen besten Freund geheiratet. Nur seine kleine Tochter freut sich über die Rückkehr. Mark zieht nach Mariupol, arbeitet als Notarzt und beginnt ein neues Leben. Das Sujet ist vorhersehbar, wurde vom Kreml finanziert und gefördert – ein propagandistisches Projekt, das den Krieg bis in die Wohnzimmer der Russen tragen soll.
Die Weigerung der Jury blieb nicht unbemerkt. Kremltreue Militärblogger zogen in den Kulturkampf. Der Kriegstreiber Alexander Kots veröffentlichte in den sozialen Netzwerken die Namen der zwölf Jurymitglieder, die sich für ein Kreuz statt einer Note entschieden hatten. «Sie äußern sich nicht. Sie schweigen einfach», schrieb Kots und bezeichnete ihr «beredtes Schweigen» als öffentliche Haltung zum Krieg. Es ist eine Liste neuer Feinde Russlands.
Bislang galten Kriegsgegner, Regimekritiker und Auswanderer als Verräter. Nun richtet sich der Blick des Kremls auf Menschen, die in Russland geblieben sind und schweigen. Nach den Militärbloggern nehmen auch die großen Propagandisten die schweigenden Filmkritiker ins Visier: Wladimir Solowjow und Margarita Simonjan, Chefin des Senders RT, setzen den verbalen Beschuss fort. Der erste, der sinnbildlich hingerichtet wurde, ist der Filmkritiker Timur Alijew. Er führte die Liste der verhassten zwölf Jurymitglieder an und gilt seit Neuestem in Russland als «ausländischer Agent». Das Justizministerium begründet dies damit, Alijew habe «unzuverlässige Informationen über Entscheidungen russischer Behörden und deren Politik verbreitet».
Entscheidend ist offenbar nicht mehr nur, was jemand sagt, sondern auch, was er nicht sagt. Im heutigen Russland ist Schweigen gefährlich geworden. Selbst für stillen Anstand lässt Putin in seinem Reich keinen Platz mehr. Die Geschichte der Serie «Marik» und ihrer Jury zeigt, wie das Regime zunehmend auch diejenigen verfolgt, die sich nicht äußern – und wie das Schweigen selbst zum Staatsverbrechen erklärt wird.