Kanadas wachsende internationale Rolle ist nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Antonia Maioni nicht allein auf den hohen Bekanntheitsgrad von Premierminister Mark Carney zurückzuführen. Ottawa fülle vielmehr eine Lücke, die eine Europäische Union hinterlasse, die zunehmend Mühe habe, sich international durchzusetzen. Maioni, die am Donnerstag offiziell ihr Amt als Präsidentin der John Cabot University in Rom antritt, vertritt diese These in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AGI.
Die italienisch-kanadische Akademikerin lehrte Politikwissenschaft an der McGill University und leitete dort das McGill Institute for the Study of Canada. Zuletzt war sie als Visiting Professor in Harvard tätig. Der internationale Status Carneys habe die neue Sichtbarkeit Kanadas sicherlich erheblich begünstigt, sagt sie. Entscheidend sei jedoch das Potenzial des Landes als mittlere Macht, das teils aus der Nähe zu den Vereinigten Staaten, teils aus seiner historischen Rolle als unparteiischer Vermittler in Konflikten erwachse. Kanada biete das Bild eines Landes, das international geschickt agiere und multilaterale Lösungen unterstütze.
Carneys entschlossene Haltung gegenüber der Politik Donald Trumps fülle die Leerstellen, die die mangelnde Geschlossenheit Europas hinterlasse, so Maioni. Der Premierminister versuche den Verbündeten Trumps zu zeigen, wie man mit Washington umgehen sollte: standhaft und ehrlich, ohne jemals nachzugeben. Ob es sich dabei um einen dauerhaften strukturellen Wandel der kanadischen Rolle handelt, lässt die Politologin offen. Eine andere US-Regierung wäre in Sicherheits- und Handelsfragen entgegenkommender, doch ohne eine politische Stabilisierung der Vereinigten Staaten dürfte es für Kanada schwierig werden, wieder Vertrauen zu fassen. Für eine neue «Pax Americana» bräuchte es eine erneut starke internationalistische Politik Washingtons, aber selbst mit einem demokratischen Präsidenten werde nichts mehr wie zuvor sein. Genau diese Botschaft habe Carney beim jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos vermittelt: Die Weltordnung verändere sich, und alle müssten sich darauf vorbereiten. Bündnisse würden schwieriger, traditionelle Bindungen lockerer, wie die jüngsten Spannungen zwischen Italien und Spanien zeigten.
Die Partnerschaft zwischen Kanada und der Europäischen Union bewertet Maioni zurückhaltend. Europa könne solche Entscheidungen nicht schnell treffen. Selbst wenn es ein Abkommen zwischen Brüssel und Ottawa gebe, wäre es sehr überraschend, wenn daraus etwas wirklich Intensives entstünde. Wohl seien stärkere Bindungen zu einzelnen europäischen Ländern zu beobachten, die sich weiterentwickeln könnten, etwa beim Treffen zwischen Emmanuel Macron und Carney in Saint-Pierre-et-Miquelon. Auf EU-Ebene sei jedoch das vor zehn Jahren unterzeichnete Wirtschafts- und Handelsabkommen noch immer nicht ratifiziert. Das könne bedeuten, dass man nicht dieselben Vorstellungen teile. Kanadische Unternehmen seien auf die europäischen Regulierungsstandards vermutlich nicht vorbereitet, und der Handel mit der EU mache weniger als zehn Prozent des kanadischen Gesamthandels aus. Das geografische, kulturelle und wirtschaftliche Gewicht Kanadas bleibe historisch auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet.
Als zentrales Feld der strategischen Zusammenarbeit zwischen Europa und Kanada benennt Maioni die Arktis. Die Perspektiven der arktischen Seewege hätten für Kanada höchste Priorität, da das Land eine Schlüsselrolle bei der Sicherung der Schifffahrtswege spiele. Die Kooperation mit der EU sollte in diesem Bereich fortgesetzt werden, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Europäer die kanadische Souveränität über die Region anerkennen. Für Kanada sei die Arktis nicht nur eine maritime Frage, sondern Teil seiner nationalen Identität.