Der Streit um das Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring geht in die nächste Runde: Nachdem die Veranstalter die Band Alphaville erst eingeladen, dann ausgeladen und schließlich wieder eingeladen hatten, zieht Sänger Marian Gold nun einen Schlussstrich. Im Interview mit dem Spiegel äußert sich der Musiker erstmals ausführlich zu dem Eklat – und richtet dabei deutliche Worte an die Festivalmacher, seine Künstlerkollegen und die Gesellschaft insgesamt.
Die ursprüngliche Absage der Band war eine Reaktion auf Berichte über mögliche Verbindungen der Festivalorganisatoren ins rechte Spektrum. Nachdem diese Vorwürfe öffentlich wurden, hatten mehrere Künstler ihre Auftritte abgesagt. Die Veranstalter bemühten sich daraufhin um Schadensbegrenzung und luden Alphaville erneut ein – doch für Gold kommt das zu spät. Die erneute Einladung ändere nichts an der grundsätzlichen Haltung der Band, betont der Sänger. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber die Konsequenz sei notwendig.
Besonders hart geht Gold mit jenen Künstlerinnen und Künstlern ins Gericht, die trotz der Vorwürfe weiterhin auf dem Festival auftreten wollen. Er wirft ihnen vor, aus finanziellen Gründen wegzuschauen und sich nicht klar zu positionieren. Diese Haltung sei „verantwortungslos“, so der 71-Jährige. Wer auf einer Bühne stehe, trage auch eine gesellschaftliche Verantwortung und könne sich nicht einfach neutral verhalten, wenn rechtsgerichtete Strukturen im Hintergrund agierten.
Darüber hinaus äußert sich Gold grundsätzlich zur politischen Lage in Deutschland. Die „Schläfrigkeit in diesem Land“ gehe ihm „total auf den Sack“, wird der Musiker in dem Interview zitiert. Er vermisse eine wache, streitbare Öffentlichkeit, die sich nicht mit einfachen Antworten abspeisen lasse. Die aktuelle Debattenkultur sei von Bequemlichkeit und Anpassung geprägt, kritisierte er. Statt klarer Kante gebe es oft Ausweichmanöver und den Versuch, es allen recht zu machen.
Überraschend fällt Golds Einschätzung zu Donald Trump aus. Der ehemalige US-Präsident habe zumindest eines bewirkt: Er habe die politische Debatte in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus aufgerüttelt. Auch wenn man seine Politik ablehne, müsse man anerkennen, dass er bestehende Verhältnisse infrage gestellt und viele Menschen aus ihrer Lethargie geholt habe. Diese Dialektik sei vielleicht das einzig Gute an Trump, so Gold.
Für Alphaville selbst bleibt die Zukunft offen. Die Band, die in den Achtzigerjahren mit Hits wie „Forever Young“ und „Big in Japan“ Weltruhm erlangte, will sich weiterhin politisch einmischen. Gold kündigt an, dass Musik und Haltung für ihn untrennbar verbunden blieben. Man könne nicht Popkultur feiern und gleichzeitig wegsehen, wenn demokratische Grundwerte unter Druck gerieten. Das Glücksgefühle-Festival wird in diesem Jahr ohne Alphaville stattfinden – und ohne viele andere Künstler, die sich der ursprünglichen Absagebewegung angeschlossen hatten.