Marvel wagt mit dem Midnight Universe einen Neustart, der seine bekanntesten Figuren in eine düstere Horrorwelt versetzt. Zum Auftakt der neuen Reihe sind diese Woche gleich drei erste Ausgaben erschienen: Midnight X-Men #1, Midnight Spider-Man #1 und Midnight Fantastic Four #1. Es sind die einzigen neuen Comics, die Marvel in dieser Woche in den Handel bringt – ein deutliches Zeichen dafür, wie viel Gewicht der Verlag dieser Linie beimisst.
Die Midnight-Reihe tritt ein Erbe an, das zuletzt vor allem der Absolute Universe von DC erfolgreich bespielt hat: eigenständige, zugängliche Superhelden-Universen, die sich nicht an die alten Regeln halten. Marvel hatte sein Ultimate Universe nach nur wenigen Jahren eingestellt, obwohl es beliebt war. Nun versucht der Verlag mit dem Midnight Universe einen ähnlichen Ansatz – nur eben mit Horror als verbindendem Element.
Den stärksten ersten Eindruck hinterlässt Midnight Spider-Man #1. Das Heft stammt von Autor Phillip Kennedy Johnson und Zeichner ScieTronc und verleiht der bekannten Origin-Geschichte von Peter Parker eine Body-Horror-Note. Statt «Mit großer Macht kommt große Verantwortung» gilt hier der Leitsatz «Macht macht Monster». Die Geschichte ist zugleich eine Auseinandersetzung mit ungezügeltem Kapitalismus und der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem übermächtigen Konzern. Peter Parker wird als social-media-affiner Wissenschaftler neu interpretiert, der sich gegen ein Monopol stellt. Die Dynamik zwischen Peter und Onkel Ben trägt die emotionale Handlung. ScieTroncs kantiger, von Manga beeinflusster Stil verleiht dem Heft eine spürbare Energie und eine dunkle Grundstimmung. Eine merkwürdig gerahmte Szene zwischen Peter und Felicia Hardy fällt zwar als seltsame Erzählentscheidung auf, trübt den Gesamteindruck aber kaum. Unterm Strich ist Midnight Spider-Man #1 der klarste Erfolg der drei Auftaktausgaben.
Midnight X-Men #1 kommt von Autor Jonathan Hickman und Zeichner Matteo Della Fonte. Hickman, der bereits mit House of X/Powers of X die X-Men neu erfunden hat, erzählt hier von einer Welt, in der Storm zur Anführerin einer neuen Mutanten-Vampir-Hybridrasse namens Empyres wird. Traditionelle Vampire befinden sich im Krieg mit diesen Empyres, während Menschheit und Mutanten zwischen die Fronten geraten. Die Prämisse funktioniert, doch der Auftakt erreicht nicht die Wucht von House of X #1. Es ist eine solide Alternate-Universe-Geschichte, die bekannte Figuren in ungewohnte Rollen wirft – etwa Nightcrawler und Reverend Stryker, die plötzlich für dieselbe Sache kämpfen. Della Fontes cinematografische Zeichnungen und Arthur Heslis düstere Farben fangen die Horroratmosphäre gut ein, auch wenn die Gesichtsausdrücke der Figuren wenig variieren. Insgesamt ein ordentlicher, aber nicht überragender Start mit Luft nach oben.
Midnight Fantastic Four #1 bildet den dritten Teil des Auftakts. Das Heft stammt von Autor Benjamin Percy und Zeichner Kev Walker und gilt als Außenseiter der Reihe. Eine ausführliche Bewertung liegt noch nicht vor, doch schon jetzt ist klar, dass die Fantastic Four innerhalb des Midnight Universe eine eigene, weniger offensichtliche Rolle einnehmen als Spider-Man oder die X-Men.
Für Marvel steht bei diesem Experiment viel auf dem Spiel. Der Erfolg des Absolute Universe hat gezeigt, dass Leserinnen und Leser nach frischen, in sich geschlossenen Zugängen zu bekannten Figuren suchen. Das Midnight Universe setzt genau dort an: Es kombiniert vertraute Helden mit einem Horror-Genre, das derzeit auch in Film und Fernsehen Konjunktur hat. Ob sich die Linie langfristig durchsetzt, wird davon abhängen, ob die ersten Hefte genug Leser überzeugen. Der stärkste Kandidat dafür ist nach dem Auftakt eindeutig Midnight Spider-Man #1.