Beim Bezahlen per Karte im Restaurant werden Gäste nach Ansicht von Verbraucherschützern häufig mit manipulativen Designtricks zu höheren Trinkgeldern gedrängt. Die Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Ramona Pop, kritisierte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass die Option, kein Trinkgeld zu geben, auf den Displays der Zahlungsterminals oft versteckt oder schlechter sichtbar sei. Der Verband fordert daher ein Verbot solcher Gestaltungsmuster, wie sie auch von Webseiten und Apps bekannt sind, auf europäischer Ebene.
Die Kritik richtet sich gegen die Darstellung voreingestellter Prozentvorschläge wie sieben, zehn oder zwanzig Prozent, die auf den Bildschirmen häufig größer oder farblich auffälliger dargestellt werden als andere Auswahlmöglichkeiten. Felder für eine freie Eingabe oder die Ablehnung eines Trinkgelds seien dagegen oft unauffälliger platziert. „Es muss auf den ersten Blick erkennbar sein, wie Gäste Trinkgeld ablehnen oder die Höhe selbst festlegen können“, sagte Pop. „Niemand ist verpflichtet, Trinkgeld zu geben.“ Problematisch werde es, wenn Gäste gedrängt oder sogar manipuliert würden.
Eine repräsentative Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands zeigt, dass viele Menschen die aktuelle Gestaltung kritisch sehen. Demnach befürworten 76 Prozent der Befragten, dass die Möglichkeit, kein oder weniger Trinkgeld zu geben, ebenso sichtbar und leicht auswählbar sein sollte wie die vorgeschlagenen Beträge. Gut die Hälfte der Befragten gab an, sich durch auffälliger dargestellte Prozent-Optionen zum Trinkgeldgeben gedrängt zu fühlen: 36 Prozent stimmten dem voll und ganz zu, weitere 16 Prozent eher. Für die Umfrage wurden vom 3. bis 5. August 1.009 Menschen ab 18 Jahren befragt.
Die Gastronomiebranche verweist angesichts der Kritik auf veränderte Zahlungsgewohnheiten. „Immer mehr Menschen sind bargeldlos unterwegs und bezahlen mit der Karte oder dem Handy“, sagte Jürgen Benad, Rechtsexperte des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Die Integration von Trinkgeld-Optionen in Kartenterminals biete eine zusätzliche Möglichkeit, Wertschätzung auszudrücken. „Ob und in welcher Höhe ein Gast Trinkgeld gibt, bleibt jedoch stets eine persönliche Entscheidung“, betonte Benad. Trinkgeld sei und bleibe ein freiwilliges Dankeschön des Gastes.
Eine im Frühjahr vorgestellte Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt ebenfalls Skepsis gegenüber voreingestellten Optionen. Nur 29 Prozent der 1.004 Befragten ab 16 Jahren fanden die Vorauswahl praktisch. 64 Prozent vermuteten, dass vorgeschlagene Beträge dazu führen, dass mehr Trinkgeld gegeben werde als ursprünglich geplant.
Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sieht bei digitalen Trinkgeldfunktionen künftig kaum einen Weg vorbei. „Für viele Beschäftigte sind sie auch durchaus hilfreich, weil immer mehr Gäste mit Karte zahlen und sonst teilweise gar kein Trinkgeld geben würden“, sagte der Vorsitzende Guido Zeitler. Entscheidend sei jedoch, dass digital gegebenes Trinkgeld genauso wie Bargeld vollständig, transparent und nachvollziehbar bei den Beschäftigten ankomme. Die Gewerkschaft fordert, dass die Möglichkeit, kein Trinkgeld zu geben oder einen eigenen Betrag einzugeben, genauso sichtbar und einfach nutzbar sein müsse wie vorgegebene Optionen. „Auch bei digitaler Bezahlung muss es eine freiwillige Entscheidung der Gäste bleiben. Sie sollten dabei keinen Druck verspüren“, mahnte Zeitler. Gleichzeitig machte er grundsätzlich klar: „Trinkgeld ist ein Zeichen der Wertschätzung für einen guten Service. In erster Linie ist es aber die Aufgabe des Arbeitgebers, die Arbeit gut zu entlohnen.“