Bei einem erneuten russischen Raketenangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew sind in der Nacht mindestens zwei Menschen getötet und mehr als 20 weitere verletzt worden. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko wurde ein neunstöckiges Wohngebäude von einer Rakete getroffen und ging in Flammen auf. Die Rettungskräfte waren stundenlang im Einsatz, um Verschüttete zu bergen und Brände zu löschen.
Die ukrainische Führung beklagte unmittelbar nach dem Angriff, dass es auch diesmal keine Vorwarnung der internationalen Partner gegeben habe. Präsidentenberater Dmytro Lytwyn erklärte vor Journalisten, die Verbündeten hätten keine Hinweise auf die einfliegenden Raketen übermittelt. Die ukrainische Luftwaffe bestätigte diese Darstellung. Bereits am Vortag war nach Angaben aus Kiew keine Warnung eingegangen.
Die Raketen seien erst im Anflug auf Kiew von den Radaren erfasst worden, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag. Zu diesem Zeitpunkt sei es bereits zu spät gewesen, um die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. Unmittelbar nach Auslösung des Luftalarms am späten Abend waren in der Millionenmetropole bereits die ersten Explosionen zu hören. Dies berichtete das ukrainische Nachrichtenportal «The Kyiv Independent».
Die Ukraine ist im Abwehrkampf gegen Russland seit 2022 in hohem Maße auf Aufklärungsdaten des US-Militärs und anderer Nato-Staaten angewiesen. Zuletzt hatte die US-Regierung Vorwürfe aus Kiew zurückgewiesen, wonach militärische Informationen nicht mehr mit den Ukrainern geteilt würden. Die erneute Klage über fehlende Warnungen fällt in eine Phase wachsender Spannungen zwischen Kiew und Washington.
Die angespannte Lage wird durch einen akuten Mangel an Munition für die Raketenabwehr verschärft. Nach mehr als vier Jahren Krieg fehlt es den ukrainischen Streitkräften an Abfangraketen, weshalb Russland seine Angriffe auf Kiew und andere Städte verstärkt hat. Als wirksamstes Mittel gegen ballistische Raketen, die wegen ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwer abzufangen sind, gelten die von den USA produzierten Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee verfügt über mehrere dieser Systeme, aber nicht über ausreichend Munition, um sie kontinuierlich einzusetzen.
Bereits am Dienstag hatte Selenskyj ausbleibende Warnungen der Verbündeten beklagt. Damals wurde nach seinen Angaben ein Heizkraftwerk im Osten Kiews getroffen, ein Mensch starb, sechs weitere wurden verletzt. Die Raketen seien erst im Anflug entdeckt worden, sagte der Präsident. Nur wenige Stunden später folgte der neue Angriff auf die Hauptstadt.
Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen die prekäre Sicherheitslage in der Ukraine. Während die politische Führung auf eine lückenlose Aufklärung durch die Partner drängt, wächst in der Bevölkerung die Verunsicherung über die Wirksamkeit des Luftschutzes. Die Behörden in Kiew riefen die Bevölkerung erneut dazu auf, bei Luftalarm sofort Schutzräume aufzusuchen.