Der Molino Verlag aus Sindelfingen hat die Veröffentlichung des Romans «Wer ich bin, wenn du mich siehst» kurzfristig abgesagt. Das Buch der Autorin Juna Liebrecht erzählt von der Liebesgeschichte zwischen einer ukrainischen Zivilistin und einem russischen Soldaten im besetzten Cherson. Nach heftiger Kritik in den sozialen Medien habe man sich auf Wunsch der Autorin zu diesem Schritt entschieden, sagte Verlagsleiter Matthias Slunitschek der Deutschen Presse-Agentur.
Der Verlag sehe sich seit Tagen einer Welle von kritischen Nachrichten ausgesetzt. Alle Kanäle des Hauses würden derzeit mit Zuschriften überschwemmt, so Slunitschek. Der zentrale Vorwurf laute, das Buch romantisiere den Krieg in der Ukraine. In einer Nachricht an den Verlag äußerte eine Person Zweifel daran, wie sensibel der Verlag mit ukrainischen Erfahrungen umgehe und welchen Ansatz er bei der Darstellung des Krieges verfolge. Einen russischen Soldaten als Retter und romantischen Partner einer ukrainischen Zivilistin darzustellen, berge die Gefahr, die Realität militärischer Besatzung, der Gewalt und des Leids der ukrainischen Zivilbevölkerung zu verharmlosen.
Verleger Slunitschek wies die Vorwürfe zurück. «Die Idee der Autorin war, zwei Menschen begegnen sich und diese menschliche Begegnung gewinnt über die äußere Konstellation», sagte er. «Es ist eigentlich ein Roman, der für Menschlichkeit und Frieden wirbt und gegen den Krieg ist.» Er habe den Eindruck, dass es sich bei der Reaktion im Netz um eine organisierte Aktion handle. Die Autorin selbst zeigte sich betroffen. «Ich wollte den Krieg nicht romantisieren. Das war nie meine Intention», sagte Juna Liebrecht der Deutschen Presse-Agentur. Sie wolle sich entschuldigen, falls sich jemand angegriffen oder verletzt fühle. Sie habe mit ihrem Roman niemandem zu nahe treten wollen. Liebrecht betonte, sie komme selbst nicht aus der Ukraine und habe nicht den Anspruch gehabt, mit ihrem Roman den Krieg abzubilden.
Der Roman sollte ursprünglich am 1. November auf den Markt kommen und am 7. November auf dem Bücherfestival in Baden-Baden vorgestellt werden. Die Autorin hatte für diese Präsentation ein Stipendium des Förderkreises der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Baden-Württemberg erhalten. Der Ankündigungstext des Buches beschreibt die Handlung so: «Als russische Truppen die Stadt besetzen, verliert die ukrainische Zivilistin Lyusiya nahezu alles, was ihr Leben bisher ausgemacht hat. Nach einer Explosion wird sie von einem maskierten russischen Soldaten gerettet. Als sie sich wenig später wiederbegegnen, entsteht zwischen ihnen eine heimliche, intensive Beziehung.» Weiter heißt es: «Je näher Lyusiya dem Mann hinter der Maske kommt, desto deutlicher wird, dass Liebe weder Gewalt noch Schuld auflösen kann. Ihre Nähe wird zur Zerreißprobe zwischen Angst, Mitgefühl und moralischer Verantwortung.»
Die Entscheidung des Verlags fällt in eine Zeit, in der die Debatte über die Darstellung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auch den Literaturbetrieb erreicht hat. Die Frage, wie nah Fiktion an historische und politische Realität heranrücken darf, wird seit Beginn des Krieges intensiv diskutiert. Der Fall aus Sindelfingen zeigt, wie schnell ein Buchprojekt in den Strudel einer aufgeheizten Debatte geraten kann. Für den Molino Verlag bedeutet der Rückzug einen erheblichen wirtschaftlichen und reputativen Einschnitt. Ob und wann das Buch zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen könnte, ließ der Verlag zunächst offen. Die Autorin und der Verlag stehen nun vor der Frage, wie sie mit der öffentlichen Kritik umgehen und ob das Projekt zu einem anderen Zeitpunkt oder in veränderter Form wieder aufgegriffen wird.