Die russischen Angriffe auf ukrainische Häfen haben die Exporte der Ukraine stark getroffen. Das erklärte der Russland-Experte Gustav Gressel in einer aktuellen Analyse. Russland attackiere damit gezielt «die zwei größten Wirtschaftszweige der Ukraine» und vergrößere das Finanzloch Kiews systematisch. «Da steht die Ukraine jetzt vor größeren Problemen, als man eigentlich gedacht hat», sagte Gressel.
Die Angriffe auf die Hafeninfrastruktur treffen die Ukraine in einer Phase, in der das Land ohnehin mit erheblichen finanziellen Herausforderungen kämpft. Die Exporte über die Schwarzmeerhäfen sind eine zentrale Einnahmequelle für den ukrainischen Staat. Wenn diese Wege wegbrechen, fehlen dringend benötigte Deviseneinnahmen, um den Haushalt, die Verteidigung und den Wiederaufbau zu finanzieren. Gressel zufolge verschärft Moskau mit dieser Strategie die wirtschaftliche Not der Ukraine bewusst.
Vor diesem Hintergrund hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beim EU-Gipfel in Brüssel zusätzliche Unterstützung eingefordert. Nach einem Streit mit US-Präsident Donald Trump setzt Kiew verstärkt auf die Europäer. «Unterstützung und nur Unterstützung» habe er von seinen EU-Kollegen erhalten, sagte Selenskyj am Freitag vor Journalisten. EU-Ratspräsident António Costa versicherte ihm, die Ukraine könne «auf uns zählen». EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bekräftigte den anhaltenden Beistand der EU, insbesondere mit Blick auf den bevorstehenden Winter: «Wir werden euch unterstützen, so wie wir es in den vergangenen Wintern getan haben.»
Konkret geht es um zusätzlichen Finanzierungsbedarf. Selenskyj bezifferte den Bedarf für das Jahr 2027 auf 70 Milliarden Euro – zusätzlich zu einem EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Jahre 2026 und 2027. «Ich bitte Sie, das zu ermöglichen. Es hilft uns, Russland zurückzuhalten», sagte er. Die Ukraine könne zwei- oder dreimal so viele Drohnen produzieren, habe aber nicht genug Geld dafür. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte, er gehe davon aus, dass im November und Dezember erneut über den Finanzbedarf der Ukraine beraten werden müsse.
Ein weiteres Problem kam in Brüssel zur Sprache: die Drosselung des Starlink-Satellitensystems in den vergangenen Tagen. Selenskyj nannte dies eine «sehr gefährliche und unangenehme Überraschung». Die Ukraine nutze die Satellitenverbindung unter anderem, um Schahed-Drohnen abzufangen und für Angriffe mittlerer Reichweite. Inzwischen habe er «Signale aus dem Weißen Haus» bekommen, dass dies wieder möglich sein solle. Bislang sei die dafür nötige Geschwindigkeit aber noch nicht wiederhergestellt. Der Chef des Starlink-Betreibers SpaceX, Elon Musk, hatte die US-Regierung für die Einschränkungen verantwortlich gemacht. Präsident Donald Trump habe diese nicht angeordnet, hieß es in dessen Umfeld.
Das Verhältnis zwischen den USA und der Ukraine ist derzeit angespannt. Trump hatte die Wiederaufnahme ukrainischer Angriffe auf russische Raffinerien scharf kritisiert und Selenskyj vorgeworfen, «schwieriger» zu sein als der russische Präsident Wladimir Putin. «Nun, mir fällt es leichter, mit ihm (Trump) umzugehen als mit Putin», gab Selenskyj in Brüssel zurück. Die Gespräche mit dem US-Verhandlungsteam wolle er fortsetzen, in den kommenden Tagen sei das nächste Treffen geplant. Auf die Frage, ob er sich wie Trumps Sündenbock fühle, antwortete er schweigend mit einem Lächeln, was im Pressesaal Belustigung auslöste.
Merz zeigte Verständnis für die ukrainische Haltung. «Aus meiner Sicht ist es nachvollziehbar, wenn die Ukraine ihrerseits Ziele in Russland angreift», sagte er in Brüssel. «Wir wollen an unserer Haltung gegenüber der Ukraine keinen Zweifel lassen, und wir wissen zugleich, dass die Amerikaner auch andere Interessen haben.» Selenskyj warnte zudem davor, dass Trumps Diesel-Deal weitere Sanktions-Lockerungen nach sich ziehen könne. «Wir können das nicht akzeptieren, danach werden dann Gas-Deals und andere Deals kommen», sagte er.
Die künftige Finanzierung der Ukraine spielt auch bei den Verhandlungen um den nächsten EU-Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034 eine Rolle. Die Gespräche über das Budget blieben am Donnerstag jedoch ergebnislos. Brüssel strebt eine Einigung bis Ende des Jahres an. Zusätzlich zum zweitägigen Gipfel im Dezember soll es deshalb einen Sondergipfel zum Haushalt im November geben. Für die Ukraine bleibt die Lage angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf ihre Exportinfrastruktur und der unsicheren Finanzierung angespannt.