Die Europäische Union baut mit dem Programm Iris² ein eigenes Satellitennetz auf, das als Alternative zu Elon Musks Starlink dienen soll. Das Vorhaben trägt den Namen «Infrastruktur für Resilienz, Vernetzung und Sicherheit per Satellit» und ist nach Galileo und Copernicus das dritte große europäische Satellitenprogramm. Die EU-Kommission und das SpaceRISE-Konsortium mehrerer europäischer Satellitenkonzerne haben im August ein Abkommen unterzeichnet, um das Programm auszuweiten und in die Umsetzung zu gehen. Die Satelliten sollen 2029 im All sein.
Der Anlass für den Aufbau eines eigenen Systems ist die wachsende Sorge vor einer einseitigen Abhängigkeit von US-Diensten. In der Ukraine zeigte sich zuletzt, wie verwundbar militärische Einsätze sind, wenn Satellitenkommunikation eingeschränkt wird. Ukrainische Einheiten stellten in der Nacht zum Mittwoch Probleme mit der Steuerung ihrer Drohnen fest. Die Starlink-Terminals arbeiteten zwar weiter, doch die für den Internetempfang nötigen Geräte funktionierten nicht in vollem Umfang. Die Folge waren Ausfälle von zehn bis zwanzig Sekunden, verzögerte oder ausbleibende Steuerbefehle und Drohnen, die sich oberhalb einer bestimmten Geschwindigkeit nicht mehr in Echtzeit steuern ließen. Zusatzfunktionen des militärischen Dienstes Starshield waren deaktiviert. Manche Einsätze schlugen fehl, andere mussten abgebrochen werden.
Eine offizielle Bestätigung dafür, dass die US-Regierung eingegriffen und den Zugang kurzzeitig eingeschränkt hat, gibt es bislang nicht. Die Probleme haben sich inzwischen entschärft. Die Republikaner im Senat fordern dennoch eine Untersuchung der Starshield-Beschränkungen und werfen Präsident Trump vor, Putin zu unterstützen. Unabhängig vom Ausgang der Untersuchung zeigt der Vorfall, wie schnell eine Armee durch einen Knopfdruck entscheidend geschwächt werden kann.
Die EU reagiert auf diese Risiken mit einem milliardenschweren eigenen Netzwerk. Der ursprüngliche Konzessionsvertrag vom Dezember 2024 sah 290 Satelliten und 10,55 Milliarden Euro vor. Nach dem Abkommen im August wurde daraus eine geplante Gesamtinvestition von mehr als 15,6 Milliarden Euro und eine höhere Zahl an Satelliten. Von der Gesamtsumme stammen 11,6 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln der Europäischen Kommission und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Die Industriepartner bringen gemeinsam bis zu vier Milliarden Euro auf.
Neben Eutelsat mit seinem OneWeb-Netz sind das spanisch kontrollierte Unternehmen Hispasat und SES beteiligt, bei dem der luxemburgische Staat Ankeraktionär ist. OneWeb betreibt bereits 648 Satelliten in rund 1.200 Kilometern Höhe. Der französische und der britische Staat sind große Anteilseigner der Eutelsat Group mit Sitz in Paris, auch ein indischer Konzern ist beteiligt. Kunden sind nicht nur Schifffahrt, Ölplattformen oder abgelegene Industriestandorte, sondern auch Verteidigungsbehörden, die darüber Backup-Verbindungen und sichere Satellitenkommunikation laufen lassen. Taiwan hat Eutelsat 2024 beauftragt, die Telekommunikationsinfrastruktur des Landes zu stärken, nachdem Zweifel an der politischen Verlässlichkeit von Elon Musk aufgekommen waren.
In Deutschland profitiert der Raumfahrtkonzern OHB von dem Ansturm auf Satelliten. Das Unternehmen ist einer der Lieferanten für Iris² und erhielt einen Auftrag über knapp eine Milliarde Euro für den Bau von 18 Satellitenplattformen. Gemeinsam mit Rheinmetall Digital bewirbt sich OHB zudem um einen möglichen Bundeswehr-Beschaffungsauftrag im Bereich der Satellitenkommunikation, der bis zu zehn Milliarden Euro schwer sein könnte. Die Rede ist von einem militärischen «Starlink für die Bundeswehr». Dieses nationale Vorgehen steht allerdings im Spannungsverhältnis zur Idee, Alleingänge in der EU möglichst zu vermeiden. Iris² soll breiter aufgestellt sein und auch zivile Nutzungen ermöglichen.
Auch außerhalb Europas wird die Kommunikation über eigene Satelliten als Schlüsseltechnik gesehen. Vor Shanghai mussten Fischer und die Handelsschifffahrt ihre Routen ändern, weil am 16. September erstmals eine Gravity-1-Rakete von einem Spezialschiff abhob. Sie brachte Satelliten für Chinas Variante von Starlink in den Orbit. Das System heißt Qianfan, zu Deutsch «Tausend Segel». Die Pläne existieren seit 2018, verliefen aber lange schleppend. Eine Analyse des Berliner Mercator Institute for China Studies kommt zu dem Schluss, dass Chinas Militär vom umfassenden Einsatz von Starlink im Ukraine-Krieg überrascht wurde, was den Bedarf an einer eigenen Satellitenkonstellation noch verstärkte. In Brasilien bieten die Chinesen ihre Dienste bereits an.