Bei einer Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September hat US-Präsident Donald Trump in Washington eine viel beachtete Rede gehalten. Vor Ersthelfern, Angehörigen von Gefallenen und Mitgliedern gemeinnütziger Stiftungen sprach der 80-Jährige über die Folgen der islamistischen Attacke auf das World Trade Center. Dabei sorgte er mit einer persönlichen Episode für Erstaunen.
Trump baute in seinen historischen Rückblick eine eigene Heldengeschichte ein. „Drei Monate lang schwelten die Glutnester in den Trümmern, neun Monate lang arbeiteten die Helfer Tag und Nacht auf dem Gelände“, hob er an. „Ich möchte auch meinen eigenen Leuten danken. Wir hatten damals ein riesiges Bauprojekt in New York und ich nahm die gesamte Belegschaft mit, um dorthin zu gehen. Niemand zögerte, alle kamen mit mir“, so Trump.
Schon in früheren Interviews hatte Trump behauptet, viel Zeit am Ground Zero verbracht und Hunderte seiner Arbeiter abgestellt zu haben, um bei den Rettungs- und Aufräumarbeiten zu helfen. Tatsächlich betrieb der ehemalige Immobilienunternehmer zur Zeit der Anschläge ein solches Projekt, allerdings befand sich der in der Entstehung befindliche Trump World Tower laut den Faktenprüfern von PolitiFact rund acht Kilometer vom Ort der Anschläge entfernt.
In seiner Rede am Dienstag kramte Trump die Erzählung erneut hervor. So habe er sich in großer Gefahr befunden, als er mit seinen Leuten auf dem Gelände des One Liberty Plaza stand, das direkt gegenüber vom World Trade Center lag. Laut Trump soll das Gebäude kurz vor dem Kollabieren gestanden haben, als er und seine Mitarbeiter vor Ort waren. Feuerwehrleute hätten ihn daraufhin unter den Armen gegriffen und gerettet. „Wir dachten, es würde direkt auf uns herabstürzen, und zwei Feuerwehrmänner, große, kräftige Kerle – ich bin ja auch nicht gerade der kleinste Mann der Welt –, packten mich unter den Armen, sie sagten: ‚Wir müssen hier raus‘, und sie hoben mich buchstäblich hoch“, so Trump.
Die Westfassade des One Liberty Plaza war durch den Einsturz des World Trade Center zwar beschädigt worden, konnte nach einer Renovierung im Oktober 2001 aber wiedereröffnet werden. Wie schon bei früheren Gelegenheiten erweckte der US-Präsident im Vorfeld des Gedenkens den Eindruck, er habe sich selbst in unmittelbarer Gefahr befunden. Dagegen spricht die Aussage von Richard Alles, der im Jahr 2001 Einsatzleiter einer New Yorker Feuerwehreinheit und einer der ersten vor Ort war. Über den angeblichen Trump-Einsatz am Ground Zero sagte Alles bereits im Jahr 2019: „Davon gäbe es Aufzeichnungen. Alle arbeiteten unter der direkten Aufsicht der Polizei, der Feuerwehr und des gemeinsamen Einsatzleiters der Rettungsdienste.“ Trump müsste also heimlich mit mehreren hundert Angestellten am Ground Zero aufgetaucht und wieder verschwunden sein. Alles hält das für sehr unwahrscheinlich: „Mir ist niemand bekannt, der ihn dort jemals gesehen hat.“
Für Trumps Behauptungen konnten die Faktenprüfer von PolitiFact bis heute keinen einzigen Beleg finden. Die Investigativjournalisten, die zum in Florida ansässigen Poynter Institute gehören, richteten eine entsprechende Anfrage an das Weiße Haus sowie an die Trump Organization – ohne eine Antwort zu erhalten. Auch frühere Faktenprüfungen durch andere Journalisten hatten keine Belege finden können.
Allerdings gibt es Medienberichte aus den Tagen nach dem 11. September, die Trump tatsächlich in der Nähe des Ground Zero verorten. So habe er Feuerwehrleuten aufmunternde Handschläge gegeben. Der Sender CNN verwies auf den Bericht eines Lokalsenders, wonach Trump am 13. September in der Nähe von Ground Zero gesichtet worden sei, „mit perfekt sitzender Frisur und makellos gekleidet, in einem schwarzen Anzug“. Bei der Gedenkveranstaltung zeichnete Trump auch den Finanzhändler Welles Crowther aus, der am 11. September im Südturm des World Trade Center gearbeitet hatte.