Der russische Präsident Wladimir Putin hat der NATO mit dem Einsatz aller Waffen gedroht, sollte die Exklave Kaliningrad bedroht werden. Die Äußerung fällt in eine Phase zunehmender Spannungen zwischen Moskau und dem westlichen Militärbündnis. Beobachter werten die Rhetorik als Versuch, die NATO von weiterer Unterstützung für die Ukraine abzuschrecken.
Unabhängig von der Drohgebärde setzt Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine mit unverminderter Härte fort. In der Nacht zum Donnerstag trafen russische Drohnen nach ukrainischen Angaben das Gelände einer Atomforschungsanlage in Kiew und lösten einen Brand aus. Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde teilte mit, der kleine Reaktor, der seit 2022 außer Betrieb ist, sei nicht beschädigt worden. Es sei keine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Verletzte gab es bei dem Angriff nicht. Wo genau die Drohne einschlug, wurde nicht mitgeteilt.
Die Anlage hat eine Leistungskapazität von rund zehn Megawatt, etwa ein Hundertstel eines konventionellen Atomreaktors. Weder Moskau noch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) äußerten sich zunächst zu dem Vorfall. Mehrere Atomstandorte in der Ukraine stehen seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 unter Beschuss, darunter das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja, das 2022 von russischen Truppen besetzt wurde.
Am selben Tag wurde auch eine Schule in Kiew von einer russischen Drohne getroffen. Der dritte Stock des Gebäudes brannte nach Angaben der Kiewer Stadtverwaltung vollständig aus. Die Schüler hielten sich zum Zeitpunkt des Angriffs in einem Schutzraum auf. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko meldete zudem, dass zwei russische Drohnen eine wichtige Brücke in der Hauptstadt getroffen hätten. Die Drohnen hätten den Stützbereich der Südbrücke getroffen, die den Westen und Osten Kiews verbindet. Der U-Bahn- und öffentliche Nahverkehr über die Brücke wurde eingestellt, Ingenieure untersuchten den Zustand des Bauwerks.
Russland hat seine Drohnen- und Raketenangriffe auf Kiew in den vergangenen Monaten deutlich verstärkt. Nach westlichen Angaben setzte die russische Armee allein im September rund 2.000 Jet-Drohnen ein, verglichen mit 350 im Juni. Moskau verwendet zunehmend neuartige Drohnen, die schneller fliegen und schwieriger abzufangen sind. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland setze nun eine Drohne mit Jetantrieb ein, um Strommasten und Stahlbrückenkonstruktionen zu beschädigen. Russland erklärte seinerseits, es habe die Energieinfrastruktur der Ukraine ins Visier genommen.
Die Ukraine dringt seit Wochen auf die Lieferung neuer Luftabwehrraketen vom Typ Patriot. Nach einem Bericht des «Wall Street Journal» ist zudem die Hälfte der ukrainischen F-16-Flotte außer Gefecht, unter anderem wegen verzögerter Wartungsarbeiten eines belgischen Dienstleisters.
Unterdessen meldete Präsident Selenskyj den ersten Kampfeinsatz einer selbst entwickelten ballistischen Rakete vom Typ FP-7. «Ukrainische taktische ballistische Rakete FP-7. Erster Kampfeinsatz», schrieb Selenskyj am Abend auf Telegram. «Danke für das Ergebnis. Als Nächstes: die Produktion.» Wo oder gegen welches Ziel die Rakete eingesetzt wurde, teilte er nicht mit. Militäranalysten zufolge hat die FP-7 eine Reichweite von etwa 200 Kilometern. Der Hersteller Fire Point entwickelt die Rakete auch als Abfangrakete für das europäische Raketenabwehrprogramm Freyja.
Die NATO-Staaten reagieren zunehmend auf die Bedrohung durch Russland. Schweden kündigte eine neue Luftwaffenstrategie an. «Ein Angriff muss teuer werden», hieß es aus Stockholm. Die Ukraine bereitet zudem die vierte Phase der «Operation Vivaldi» vor, ihrer Gegenoffensive im Gebiet um Lyman in der Region Donezk. Nach ukrainischer Darstellung verfolgt die Operation das Ziel, die russischen Bestrebungen zur vollständigen Einnahme des Donbass zu durchkreuzen.