Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, hat Finnlands Präsident Alexander Stubb mit einer Reihe grober persönlicher Beleidigungen angegriffen. In einem Beitrag auf der russischen Plattform MAX bezeichnete er Stubb unter anderem als «echten Idioten» und «moralischen Krüppel und Dummkopf». Außerdem sprach er ihm die fachliche Qualifikation ab.
Auslöser waren Äußerungen Stubbs in Kyjiw. Der finnische Präsident hatte dort an Treffen mit der ukrainischen Führung, nordischen und baltischen Staaten sowie der sogenannten Koalition der Willigen teilgenommen.
Auf einer Pressekonferenz unterstützte Stubb den Ausbau der ukrainischen Fähigkeit, mit Raketen und Drohnen tief in russisches Gebiet zu schlagen. Solche Angriffe erhöhten die Kosten des Krieges für Russland und könnten nach seiner Einschätzung dazu beitragen, Moskau an den Verhandlungstisch zu bringen.
Stubb nannte dabei auch Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries. Er sagte, 65 Prozent der russischen Bevölkerung wollten ein Ende des Krieges; Angriffe auf solche Logistikzentren hätten diesen Anteil seiner Darstellung zufolge um weitere zehn Prozentpunkte erhöht.
Medwedew verkürzte diese Aussage zu der Behauptung, Stubb rede von einer «Niederlage Russlands durch Angriffe auf Wildberries». In den öffentlich verfügbaren Zitaten sagt der finnische Präsident das so nicht. Er bezeichnete die Fernangriffe als Teil einer breiteren Strategie, mit der die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten des Krieges für Russland steigen sollen.
Auch bei den genannten Umfragewerten ist eine Trennung nötig. Unabhängige Erhebungen zeigen tatsächlich, dass ein großer Teil der russischen Bevölkerung Verhandlungen oder einen Waffenstillstand befürwortet. ExtremeScan berichtete 2026 über stabile 64 bis 65 Prozent Zustimmung zu einem Waffenstillstand auf Basis gegenseitiger Zugeständnisse. Das Lewada-Zentrum kam im Januar auf 61 Prozent für den Übergang zu Friedensverhandlungen. Einen belastbaren Nachweis, dass die Angriffe auf Wildberries selbst einen Sprung um genau zehn Punkte verursacht haben, gibt es jedoch nicht.
Der Kreml griff Stubb auch offiziell an. Putins Sprecher Dmitri Peskow erklärte, die Unterstützung für ukrainische Fernangriffe zeige, dass der finnische Präsident zu einer «Kriegspartei» gehöre. Diese Deutung entspricht der russischen Linie, westliche Waffenhilfe als Ursache für die Fortsetzung des Krieges darzustellen.
Für Deutschland und die Schweiz ist die Auseinandersetzung vor allem wegen ihrer europäischen Sicherheitsdimension relevant. Finnland hat eine direkte Grenze zu Russland und ist Mitglied der NATO. Die Frage, wie weit westliche Unterstützung für ukrainische Angriffe reichen soll, berührt damit die Abschreckung an der gesamten Nordostflanke des Bündnisses.
Wildberries ist dabei längst mehr als ein rhetorisches Stichwort. Nach Angaben der AP wurde ein großes Lager des Unternehmens in der russischen Region Tambow durch einen ukrainischen Drohnenangriff zerstört. Die Ukraine wirft dem Unternehmen vor, Ausrüstung für das russische Militär zu liefern. Wildberries weist diese Darstellung zurück.
Stubb bekräftigte nach seiner Rückkehr nach Helsinki, die Unterstützung der Ukraine bleibe eine zentrale Priorität der finnischen Außen- und Sicherheitspolitik. Zugleich erinnerte er daran, dass Russland Finnlands Nachbar bleiben werde und die künftige Beziehung von Moskaus eigenem Verhalten abhänge.
Das Wortgefecht zeigt damit zwei parallel laufende Entwicklungen: militärisch wächst die Reichweite ukrainischer Angriffe, politisch verschärft sich die Sprache zwischen Russland und europäischen NATO-Staaten. Medwedews persönliche Attacke ist spektakulär, aber für die Sicherheitslage entscheidender bleibt, welche Fähigkeiten die Ukraine tatsächlich erhält und wie Russland darauf reagiert.