Russland hat ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj außerhalb Russlands abgelehnt. Das berichtet WELT-Reporter Christoph Wanner. Die Absage aus Moskau unterstreicht die anhaltende Blockade bei diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Krieges.
Unterdessen erzielt die Ukraine bei Lyman im Osten des Landes militärische Erfolge. Diese werden jedoch bewusst nicht öffentlich gemacht, um den Kreml nicht zu alarmieren. Die ukrainische Führung hält Informationen über Geländegewinne zurück, um Russland nicht zu provozieren und die eigene Verhandlungsposition nicht zu schwächen.
Die Zurückhaltung bei der Veröffentlichung militärischer Erfolge ist Teil einer strategischen Kommunikationspolitik Kiews. Während die Ukraine international um Unterstützung wirbt, vermeidet sie es, Moskau durch öffentliche Erfolgsmeldungen zu einer Eskalation zu bewegen. Beobachter sehen darin den Versuch, die Dynamik auf dem Schlachtfeld nicht durch politische Signale zu gefährden.
Parallel zu den militärischen Entwicklungen gibt es Hinweise auf eine mögliche Neuordnung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Das unabhängige russische Exilmedium «iStories» berichtet unter Berufung auf zwei ehemalige FSB-Mitarbeiter, dass eine umfassende Umstrukturierung bevorstehe. Diese könnte zentrale Abteilungen und deren Führung erfassen – möglicherweise auch den langjährigen FSB-Direktor Alexander Bortnikow.
Bortnikow steht seit mehr als 18 Jahren an der Spitze des FSB. Der 74-Jährige soll seit Längerem auf seinen Ruhestand drängen und viel Zeit in Sanatorien verbringen. Sein erster Stellvertreter Sergej Koroljow übernimmt zunehmend Aufgaben des Direktors und gilt als wichtigster Anwärter auf den Spitzenposten. Ein erstes Anzeichen für die mögliche Neuordnung ist eine unbesetzte Schlüsselposition: Sergej Alpatow soll seinen Posten als Leiter des Dienstes für wirtschaftliche Sicherheit aus gesundheitlichen Gründen verlassen haben. Ein Nachfolger wurde bislang nicht ernannt.
Neben Koroljow werden zwei weitere Männer als mögliche Nachfolger genannt: Iwan Tkatschow, Leiter der militärischen Spionageabwehr, und Wladislaw Menschschikow, Chef der allgemeinen Spionageabwehr des FSB. Wer im Kreml tatsächlich favorisiert wird, ist nicht bekannt. Die Entscheidung über die Führung des Geheimdienstes liegt bei Präsident Wladimir Putin.
Die Führung des FSB ist weit mehr als eine interne Personalie. Der Geheimdienst ist eine zentrale Stütze von Putins Herrschaft und für Sicherheit innerhalb Russlands zuständig. Er übernimmt Aufgaben wie Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung und Grenzschutz und geht zugleich gegen Gegner des Kremls vor. Auch außerhalb Russlands sind die Geheimdienste aktiv. Deutsche Sicherheitsbehörden warnen vor Spionage, Cyberangriffen, Einflussnahme und Sabotageplänen im Auftrag Moskaus.
Die mögliche Neuordnung des FSB fällt in eine Phase, in der Russland sowohl militärisch als auch innenpolitisch unter Druck steht. Die anhaltenden Kämpfe in der Ukraine und die westlichen Sanktionen haben die Ressourcen des Landes gebunden. Eine Umstrukturierung des Sicherheitsapparats könnte darauf abzielen, die Kontrolle zu straffen und die Effizienz zu erhöhen.
Für die Ukraine bedeutet die Ablehnung eines Treffens außerhalb Russlands, dass diplomatische Lösungen weiterhin in weite Ferne rücken. Kiew setzt daher weiter auf militärische Erfolge und internationale Unterstützung. Die bewusste Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Geländegewinnen bei Lyman zeigt, wie sensibel die Führung in Kiew die Lage einschätzt.