Wjatscheslaw Wolodin ist zum dritten Mal zum Vorsitzenden der russischen Staatsduma gewählt worden. 406 Abgeordnete stimmten für den 62-Jährigen, dessen Kandidatur Präsident Wladimir Putin ausdrücklich unterstützt hatte. Noch nie zuvor hat ein Vorsitzender des russischen Unterhauses drei Amtszeiten absolviert. Die Wiederwahl am Mittwoch markiert damit einen politischen Rekord in der Geschichte der russischen Föderation.
Dass ausgerechnet Wolodin seit inzwischen zehn Jahren an der Spitze der Duma steht, ist kein Zufall. Das unabhängige russische Medium «Meduza» zeichnet nach Gesprächen mit Vertrauten aus seinem Umfeld und politischen Beratern das Bild eines Mannes, der Putin zuverlässig den Rücken freihält. Er balanciert demnach Machtgruppen gegeneinander aus und achtet sorgfältig darauf, dem Präsidenten nicht selbst gefährlich zu werden. Anders als andere einflussreiche Figuren des Machtapparats ist Wolodin laut Insidern keiner mächtigen Gruppe eindeutig zuzurechnen. Seine Distanz zu den verschiedenen Lagern hilft Putin zugleich, das Gleichgewicht innerhalb der Elite zu wahren.
Wolodins Karriere begann fernab von Moskau in der Region Saratow. Nach dem Ende der Sowjetunion stieg er dort vom Kommunalpolitiker bis zum stellvertretenden Gouverneur auf. Ende der 1990er-Jahre wechselte er in die Hauptstadt und zog 1999 erstmals in die Staatsduma ein. Seinen entscheidenden Aufstieg verdankte er der Kreml-Partei «Einiges Russland». Wolodin wurde 2005 Generalsekretär der Partei und entwickelte sich zu einem der zentralen Organisatoren des politischen Betriebs. Frühere Weggefährten und politische Berater beschreiben, wie eng er regionale Parteistrukturen kontrollierte und versuchte, erfolgreiche Methoden aus einzelnen Regionen auf das ganze Land zu übertragen.
Spätestens Anfang der 2010er-Jahre rückte Wolodin ins unmittelbare Machtzentrum Russlands auf. Putin holte ihn zunächst in die Regierung, später wechselte er in die Präsidialverwaltung. 2012 ernannte Putin ihn offiziell zum ersten stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung. Dort war Wolodin maßgeblich mit der russischen Innenpolitik beschäftigt. Nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland brachte Wolodin seine Loyalität zu Putin auf eine Formel, die ihm bis heute nachhängt. 2014 erklärte er sinngemäß, ohne Putin gebe es kein Russland. Putin wurde Jahre später bei einer öffentlichen Veranstaltung selbst auf diese Aussage angesprochen.
Seit 2016 steht Wolodin an der Spitze der Staatsduma. Vor der jüngsten Parlamentswahl hätte ihm allerdings ausgerechnet Dmitri Medwedew Konkurrenz machen können. Medwedew landete schließlich nicht auf der landesweiten Kandidatenliste. Damit war ihm nach Darstellung von «Meduza» der Weg an die Spitze der Duma versperrt. Die Angaben zu seinen Ambitionen sind nicht unabhängig bestätigt. Putin habe diesen Schritt jedoch nicht gebilligt, berichtet «Meduza» unter Berufung auf eigene Quellen. Medwedew landete nicht auf der nationalen Liste, Wolodin blieb im Rennen um das höchste Parlamentsamt ohne ernsthaften Konkurrenten. Putin unterstützte anschließend offiziell Wolodins Kandidatur. «Einiges Russland» nominierte ihn, am Mittwoch folgte die Wiederwahl.
Gerade Wolodins Verhältnis zu Putin erklärt wohl seine ungewöhnliche politische Langlebigkeit. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine tritt Wolodin öffentlich immer wieder mit besonders scharfen Positionen auf. Aus Russland geflohene Bürger bezeichnete er etwa als Verräter und forderte Sanktionen gegen sie. Einer Quelle aus seinem Umfeld zufolge geht Wolodin dabei bewusst weit, ohne die Grenze zur schrillen Rhetorik Medwedews zu überschreiten. Auch gegenüber Putin demonstriert er seine Rolle als aufmerksamer Verwalter des politischen Betriebs. Nach Darstellung eines Vertrauten informiert Wolodin den Präsidenten stets selbst über Details von Gesetzesvorhaben, die eigentlich weit unterhalb der Ebene des Staatschefs liegen. Für die Quelle ist genau diese demonstrative Verlässlichkeit entscheidend dafür, dass Putin ihn auf seinem Posten hält. Mit seiner dritten Amtszeit hat Wolodin in Russland einen politischen Rekord aufgestellt. Kein Vorsitzender der Staatsduma vor ihm hatte das Amt über mehr als zwei Legislaturperioden inne. Und solange Putin mit seiner Arbeit zufrieden ist, dürfte Wolodin wenig Anlass sehen, an seinem Erfolgsrezept etwas zu ändern.