Deutschland und die Schweiz liegen mitten in einer europäischen Wirtschaftszone, die schon heute weit größer ist als die Summe ihrer nationalen Märkte. Ein Gedankenexperiment zeigt, wie weit diese Logik gehen könnte: Was wäre, wenn die EU nicht nur nach Osten bis zur Ukraine erweitert würde, sondern zugleich Großbritannien, die Schweiz und die eng angebundenen europäischen Staaten in einen deutlich einheitlicheren Wirtschaftsraum einbezöge?
Die Größenordnung wäre außergewöhnlich. Die Weltbank beziffert das nominale Bruttoinlandsprodukt der EU für 2025 auf rund 21,24 Billionen Dollar. Großbritannien kam auf gut 4 Billionen Dollar. Zusammen mit der Schweiz, Norwegen, der Ukraine, dem Westbalkan, Moldau, Island und Liechtenstein läge der Raum bei ungefähr 27 Billionen Dollar und rund 590 Millionen Einwohnern.
Damit wäre er nominal etwas kleiner als die USA, aber deutlich größer als China. Russland läge wirtschaftlich in einer völlig anderen Gewichtsklasse.
Für den deutschsprachigen Raum wäre der entscheidende Punkt jedoch nicht die Rangliste, sondern die Arbeitsteilung. Deutschland stellt einen großen Teil der industriellen Basis. Die Schweiz bringt Pharma, Präzisionstechnik und einen globalen Finanzplatz ein. Großbritannien würde London und einen tiefen Kapitalmarkt beisteuern. Norwegen stärkt die Energieposition. Mittel- und Osteuropa liefern Produktionskapazität, Logistik und zunehmend Technologie. Die Ukraine wäre vor allem als künftiger Investitions- und Infrastrukturraum wichtig.
Gerade die Ukraine zeigt, warum Erweiterung nicht mit einem einfachen Pluszeichen zu verstehen ist. Ihr Bruttoinlandsprodukt lag 2025 bei rund 214 Milliarden Dollar. Gleichzeitig werden die Wiederaufbaukosten für das kommende Jahrzehnt auf fast 588 Milliarden Dollar geschätzt. Der Beitritt wäre also zunächst mit erheblichen Investitionen verbunden.
Ob daraus Belastung oder Produktivität entsteht, hängt von der Qualität dieser Investitionen ab. Werden Netze, Bahnstrecken, Energieanlagen, Wohnungen und Industrie nur repariert, bleibt ein großer Teil der Ausgaben Wiederherstellung. Werden sie zugleich in europäische Standards und Lieferketten eingebaut, entsteht neue Kapazität im gemeinsamen Markt.
Die größte Schwäche Europas bleibt die Fragmentierung. Die EU-Kommission schätzt, dass ein stärker integrierter Kapitalmarkt Unternehmen rund 470 Milliarden Euro zusätzliches Finanzierungsvolumen erschließen könnte. Für deutsche Mittelständler, Schweizer Finanzhäuser und europäische Wachstumsunternehmen wäre das womöglich wichtiger als die bloße Erweiterung um weitere Millionen Verbraucher.
Ähnlich ist es bei der Verteidigung. Die 27 EU-Staaten gaben 2025 nach Angaben der Europäischen Verteidigungsagentur 418 Milliarden Euro aus. Doch nationale Beschaffungssysteme, unterschiedliche Plattformen und politische Zuständigkeiten begrenzen die Effizienz. Ein größerer Markt wird erst dann stärker, wenn gemeinsame Nachfrage auch gemeinsame Produktion ermöglicht.
Für Deutschland würde ein solcher Block zudem die geographische Mitte Europas verschieben. Polen, die baltischen Staaten, Rumänien und perspektivisch die Ukraine würden wirtschaftlich und sicherheitspolitisch an Gewicht gewinnen. Die Ost-West-Infrastruktur würde von einem Randthema zu einer zentralen europäischen Investitionsachse.
Die USA hätten weiterhin Vorteile durch einen einheitlicheren Bundesstaat und tiefere Kapitalmärkte. China bliebe ein Fertigungsriese. Ein erweitertes Europa könnte aber eine ungewöhnlich breite Kombination aus Industrie, Wissenschaft, Kapital, Energie, Landwirtschaft und kaufkräftiger Nachfrage schaffen.
Die Supermacht entstünde deshalb nicht durch die Landkarte. Sie entstünde, wenn London, Zürich, Frankfurt, Paris, Mailand, Warschau und Kiew in wichtigen Bereichen tatsächlich wie Teile eines Marktes funktionieren. Ohne diese Integration wäre Europa nur größer. Mit ihr könnte es wirtschaftlich deutlich schwerer wiegen als heute.