Die Ukraine hat nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj eine neu entwickelte Waffe zur Abwehr von Drohnen erfolgreich getestet. Bei einem Einsatz in der Nacht sei eine Drohne vom Typ «Shahed» zerstört worden, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. «Einige technische Details müssen jedoch noch verfeinert werden», erklärte er. «Wir brauchen noch etwas mehr Zeit.» Die Arbeit an weiteren Entwicklungen werde fortgesetzt.
Selenskyj zufolge wurden in der Nacht 93 Prozent aller russischen Drohnen abgefangen. «Das ist beachtlich. Aber natürlich wird mehr gebraucht», sagte er. Die Ukraine entwickelt seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 verstärkt eigene Technologien zur Drohnenabwehr und setzt dabei auf Abfangraketen als effizientes und kostengünstigeres Mittel. Größere Schwierigkeiten bereitet den ukrainischen Streitkräften jedoch die Abwehr russischer ballistischer Raketen. Die Regierung in Kiew hat deshalb die westlichen Verbündeten um die Lieferung weiterer Abfangsysteme gebeten.
Russland entwickelt seine Arsenale an Angriffswaffen kontinuierlich weiter. Die ursprünglich vom Iran hergestellten und an den Kreml gelieferten Shahed-Drohnen wurden in Russland selbständig aufgerüstet und weiterentwickelt. Die unter den Bezeichnungen «Geran-3», «Geran-4» und «Geran-5» eingesetzten Drohnen bereiten der ukrainischen Flugabwehr zunehmend Schwierigkeiten. Vor allem die Hauptstadt Kiew und die umliegenden Regionen wurden mit diesen Waffen zuletzt häufig ins Visier genommen.
Die mit Strahltriebwerken ausgestatteten Jet-Drohnen erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern pro Stunde und sind dadurch schwerer abzufangen als die früheren, mit Kolbenmotoren angetriebenen «Shahed»-Varianten. Ihr Einsatz durch die russischen Streitkräfte hat in diesem Sommer stark zugenommen und sich innerhalb eines Monats von Juni bis Juli 2026 in etwa verfünffacht, wie ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe mitteilte. Ende August waren innerhalb von vier Tagen fast 800 jetgetriebene Drohnen in Richtung Ukraine gestartet, so Präsident Selenskyj.
Der ukrainische Verteidigungsminister Jewhenij Chmara erklärte, die Ukraine habe vier potenzielle Abwehrraketen gegen diese neuen Generationen russischer «Shahed»-Drohnen im Feld getestet, ohne jedoch anzugeben, welche Unternehmen die Waffen entwickeln oder wie weit die Projekte fortgeschritten sind. Anatolii Chraptschynskyj, stellvertretender Direktor eines Unternehmens für elektronische Kriegsführung und Reserveoffizier der Luftwaffe, sagte, die Entwicklung eigener jetgetriebener Abwehrdrohnen laufe unter Hochdruck, da die russischen Streitkräfte nach immer neuen Wegen suchten, die ukrainische Luftabwehr zu überwältigen.
Ein solcher Weg könnte in kleinen Cruise Missiles liegen: wendige, tieffliegende Marschflugkörper, die für die gegnerische Luftabwehr extrem schwer zu verteidigen sind. Offenbar stehen die russischen Streitkräfte kurz vor der Einführung dieser neuen Angriffswaffe. Der Militärexperte und Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Serhiy «Flash» Beskrestnow, warnte in einem Interview mit dem Sender Radio NV, das Putin-Regime sei vielleicht «noch fünf oder sechs Monate» vom Einsatz dieser feststoffgetriebenen Marschflugkörper entfernt. Damit könne der Aggressor ukrainische Städte und Infrastruktur wirkungsvoll angreifen.
«Auch die Russen wissen, dass wir nun über diese jetgetriebenen Abwehrraketen verfügen. Deshalb arbeiten sie derzeit an der Entwicklung der nächsten Generation und setzen auf kleine, kostengünstige Flügelraketen», so der Experte. Die bis zu 750 Stundenkilometer schnelle Waffe würde die gerade erst erfolgte Neuentwicklung ukrainischer Abwehrdrohnen schon wieder obsolet machen. Die Ukraine müsste auf diese neue Bedrohung ihrerseits mit einer entsprechend leistungsfähigen Abwehrdrohne reagieren. Das Wettrüsten auf dem Schlachtfeld setzt sich damit unvermindert fort.